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Wärme aus vier Kilometern Tiefe: Warum ein Labor bei Berlin zum Referenzfall der Geothermie wurde

Ein Geothermie-Forschungsstandort nordöstlich von Berlin feiert 25 Jahre Betrieb. Der Rückblick fällt in eine Zeit, in der die Wärme aus der Tiefe vom Nischenthema zur handfesten Option für die Wärmewende wird – trotz hoher Anfangskosten und langer Vorlaufzeiten.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Rund 50 Kilometer nordöstlich von Berlin, am Rand der Schorfheide, steht seit einem Vierteljahrhundert eine Anlage, die kaum jemand kennt und die doch für einen ganzen Forschungszweig steht. Der Geothermie-Standort Groß Schönebeck des GFZ Helmholtz-Zentrums für Geoforschung geht auf eine alte Erdgas-Explorationsbohrung aus den 1990er Jahren zurück, die im Jahr 2001 zu einer Forschungsplattform umgebaut wurde. Das 25-jährige Bestehen ist ein guter Anlass, eine Technologie einzuordnen, die in der Debatte um die Wärmewende zuletzt deutlich an Gewicht gewonnen hat.

Was in Groß Schönebeck erforscht wird

Zwei Forschungsbohrungen reichen dort in Tiefen zwischen etwa 3,9 und 4,4 Kilometern, wo Temperaturen um 150 Grad Celsius herrschen. Beide Bohrungen bilden zusammen eine sogenannte geothermische Dublette: Über die eine wird heißes Tiefenwasser gefördert, über die andere das abgekühlte Wasser wieder in dieselbe Gesteinsschicht zurückgeleitet. Dieses Prinzip ist die Grundlage nahezu jeder tiefen Geothermie – und genau seine Tücken lassen sich an einem realen Standort besser studieren als im Labor.

Der Standort gilt als Referenzfall für schwierige Untergründe: Die Speichergesteine im Norddeutschen Becken sind vergleichsweise dicht und lassen Wasser nur langsam durch. Weil diese Geologie für weite Teile Mitteleuropas typisch ist, lassen sich Erkenntnisse aus der Brandenburger Tiefe auf viele andere Regionen übertragen. Erprobt werden dort unter realen Bedingungen etwa Verfahren, um die Durchlässigkeit des Gesteins zu verbessern, sowie der Umgang mit Materialien, die heißem, salzhaltigem Tiefenwasser über Jahre standhalten müssen.

Vom Randthema zur Option für ganze Städte

Lange wurde die tiefe Geothermie in Deutschland eher belächelt – zu teuer, zu riskant, zu langsam. Das Bild verschiebt sich. Angesichts hoher Gaspreise und des Ziels, die Wärmeversorgung von fossilen Energieträgern zu lösen, rückt die Erdwärme als grundlastfähige, wetterunabhängige Quelle in den Blick. Anders als Solarthermie liefert sie rund um die Uhr, unabhängig von Jahreszeit und Sonnenschein. In mehreren Regionen speisen Geothermieanlagen bereits Fernwärmenetze; im Berliner Umfeld ist ein Projekt angelaufen, das die Erfahrungen aus der Forschung in eine tatsächliche Wärmeversorgung übersetzen soll.

Das Potenzial gilt als erheblich, wird aber unterschiedlich beziffert. Fachleute verweisen darauf, dass das Norddeutsche Becken, der Oberrheingraben und das süddeutsche Molassebecken die geologisch aussichtsreichsten Zonen sind. Neben Wärme rückt zunehmend ein zweiter Nutzen ins Blickfeld: Aus dem geförderten Tiefenwasser lassen sich unter Umständen Rohstoffe wie Lithium gewinnen – ein Aspekt, der in der Forschung derzeit intensiv untersucht wird, aber noch weit von der breiten wirtschaftlichen Nutzung entfernt ist.

Die Hürden bleiben real

Bei aller Zuversicht sollte man die Grenzen nicht ausblenden. Eine tiefe Bohrung kostet zweistellige Millionenbeträge, und es besteht ein Fündigkeitsrisiko: Erst nach der teuren Bohrung zeigt sich mit letzter Sicherheit, wie ergiebig ein Reservoir wirklich ist. Hinzu kommen lange Planungs- und Genehmigungszeiten sowie – vor allem in dichter besiedelten Regionen – die Sorge vor spürbaren Erschütterungen, wie sie einzelne Projekte in der Vergangenheit ausgelöst haben. Gerade deshalb ist Grundlagenforschung an Standorten wie Groß Schönebeck kein Selbstzweck: Sie soll helfen, diese Risiken kalkulierbarer zu machen, bevor andernorts investiert wird.

Ein Vierteljahrhundert Betrieb zeigt vor allem eines: Die tiefe Geothermie ist keine schnelle Lösung, sondern ein langfristiges Projekt, dessen Nutzen sich über Jahrzehnte bemisst. Ob sie zu einer tragenden Säule der Wärmeversorgung wird, hängt weniger an spektakulären Durchbrüchen als an geduldiger, oft unscheinbarer Arbeit im Untergrund.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines aktuellen Branchen- und Forschungsthemas und beruht auf öffentlich zugänglichen Informationen. Angaben zu Potenzialen und Projekten geben den derzeitigen Kenntnisstand wieder und können sich ändern.