Wärme aus vier Kilometern Tiefe: Warum die Geothermie im Norddeutschen Becken neuen Auftrieb bekommt
Ein Forschungsstandort in der Brandenburger Schorfheide feiert sein 25-jähriges Bestehen. Dahinter steht die Frage, ob die tiefe Erdwärme aus einer Nische in die Wärmeversorgung ganzer Städte vorstoßen kann – und was ihr bislang im Weg steht.
Rund 50 Kilometer nordöstlich von Berlin, in der Brandenburger Schorfheide, betreibt das Deutsche GeoForschungsZentrum (GFZ) seit einem Vierteljahrhundert ein ungewöhnliches Labor: Es liegt bis zu 4,4 Kilometer unter der Erde. Der Standort Groß Schönebeck feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen – Anlass genug, um auf eine Energiequelle zu blicken, die im Schatten von Wind und Sonne steht, aber ein hartnäckiges Problem der Energiewende adressiert: die Wärme.
Aus einem Bohrloch wird ein Reallabor
Die Geschichte des Standorts beginnt mit einem Fehlschlag. 2001 übernahm das GFZ eine nicht fündig gewordene Erdgas-Explorationsbohrung aus den 1990er-Jahren und baute sie Schritt für Schritt zu einem sogenannten In-situ-Geothermielabor aus. Heute erschließen zwei Forschungsbohrungen Gesteinsschichten in Tiefen zwischen 3,9 und 4,4 Kilometern, wo Temperaturen um 150 Grad Celsius herrschen. Der Standort dient als Referenz für eine besonders anspruchsvolle Variante der Erdwärmenutzung: für heiße, aber schlecht durchlässige Speichergesteine, wie sie im Norddeutschen Becken verbreitet sind.
Warum gerade die Wärme das Sorgenkind ist
Ein großer Teil des deutschen Energieverbrauchs entfällt nicht auf Strom, sondern auf Wärme – zum Heizen von Gebäuden und für industrielle Prozesse. Dieser Bereich lässt sich schwerer umbauen als die Stromerzeugung, weil er dezentral, ganzjährig und oft an bestehende Fernwärmenetze gebunden ist. Genau hier kommt die tiefe Geothermie ins Spiel: Sie liefert Wärme unabhängig von Wetter und Tageszeit, direkt und speicherbar. Nach Einschätzung von Fachleuten könnten tiefe Geothermie zusammen mit Hochtemperaturspeichern und der Nutzung von Grubenwasser über 300 Terawattstunden Wärme pro Jahr bereitstellen – das entspräche etwa einem Viertel des deutschen Wärmebedarfs. Solche Schätzungen sind mit Unsicherheiten behaftet und markieren ein Potenzial, keine gesicherte Prognose.
Ein unerwarteter Nebenertrag
Interessant wird die Erdwärme zusätzlich durch das, was mit dem heißen Wasser nach oben kommt. Das Tiefenwasser im Norddeutschen Becken enthält gelöste Rohstoffe, darunter Lithium – ein Metall, das für Batterien gebraucht wird und das Deutschland bislang fast vollständig importiert. Erste Abschätzungen für das Gesamtpotenzial im Becken bewegen sich laut GFZ in der Größenordnung von bis zu 26,5 Millionen Tonnen Lithium-Metall. Ob und zu welchen Kosten sich das wirtschaftlich gewinnen lässt, ist offen. Die Idee aber ist bestechend: eine Anlage, die zugleich Wärme und einen kritischen Rohstoff liefert.
Was der Technik noch fehlt
Trotz des Potenzials bleibt die tiefe Geothermie ein Geschäft mit hohen Anfangsrisiken. Jede Bohrung kostet Millionen, und ob eine Schicht genug heißes Wasser führt und ausreichend durchlässig ist, zeigt sich oft erst nach dem Bohren – das sogenannte Fündigkeitsrisiko. Hinzu kommen Sorgen der Anwohner vor Erschütterungen, wie sie einzelne Projekte in der Vergangenheit ausgelöst haben. Genau an diesen Fragen setzt die Forschung in Groß Schönebeck an: Sie soll Verfahren entwickeln, mit denen sich die Ergiebigkeit vorab besser abschätzen und die Technik sicherer betreiben lässt. Seit 2025 läuft am Standort zudem eine Kooperation mit einem dänischen Unternehmen, das eine bestehende Bohrung in eine tiefe Geothermiesonde umwandeln will.
Ein Jubiläum ist kein Durchbruch. Aber der Standort zeigt, dass die Wärme unter unseren Füßen von einer akademischen Randnotiz zu einer ernst genommenen Option für die Energieversorgung geworden ist – langsam, teuer und mit offenen Fragen, aber beharrlich.
Dieser Beitrag ordnet einen Forschungs- und Energietrend redaktionell ein. Die genannten Potenzialabschätzungen stammen aus Angaben des GFZ und der Fachliteratur und sind mit wissenschaftlichen Unsicherheiten verbunden.