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Vom Wühltisch zum Warenwirtschaftssystem: Wie Second-Hand-Mode zum professionellen Handel wird

Ein einst als Studentenprojekt gestarteter Second-Hand-Händler wird als „Digital Champion“ ausgezeichnet. Der Einzelfall verweist auf eine größere Entwicklung: Gebrauchtkleidung ist längst aus der Nische gewachsen – und der Handel damit ähnelt zunehmend dem mit Neuware.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Dass ein Second-Hand-Händler eine Auszeichnung für Digitalisierung erhält, wäre vor einigen Jahren eine kuriose Meldung gewesen. Heute ist es ein Signal. Der Verkauf gebrauchter Kleidung, lange verbunden mit Kleiderkammer, Flohmarkt und dem Ruch des Notbehelfs, hat sich in Deutschland zu einem Markt entwickelt, der in Milliarden gerechnet wird – und der die Werkzeuge des klassischen Einzelhandels übernommen hat: Warenwirtschaft, Fotografie, Preislogik, Online-Vertrieb.

Aus der Nische in den Milliardenmarkt

Die Zahlen belegen den Bedeutungswandel. Eine viel zitierte Untersuchung der Beratungsgesellschaft PwC prognostizierte, dass der deutsche Second-Hand-Modemarkt von rund 3,5 Milliarden Euro im Jahr 2022 auf fünf bis sechs Milliarden Euro im Jahr 2025 wächst; neuere Schätzungen gehen für 2025 sogar von rund 6,8 Milliarden Euro Umsatz mit gebrauchter Kleidung aus. Weltweit soll das Volumen laut denselben Analysen bei jährlichen Wachstumsraten im zweistelligen Bereich bis 2025 auf mehrere Hundert Milliarden Euro steigen. Ob die Prognosen im Detail zutreffen, lässt sich erst im Nachhinein prüfen – die Richtung aber ist über verschiedene Quellen hinweg dieselbe.

Zwei Treiber, ein Trend

Für das Wachstum werden regelmäßig zwei Motive genannt, die sich ergänzen. Das eine ist der Preis: Wer Markenware sucht, bekommt sie gebraucht deutlich günstiger. Das andere ist das Bewusstsein für Nachhaltigkeit, das den Kauf getragener Kleidung von einer Verlegenheit zu einer Haltung gemacht hat. Umfragen zufolge hat ein erheblicher Teil der deutschen Konsumenten bereits gebrauchte oder wiederverwertete Kleidungsstücke gekauft. Beide Motive lassen sich nicht sauber trennen – und genau diese Mischung macht den Markt so robust, weil er in wirtschaftlich angespannten Zeiten ebenso funktioniert wie im Zeichen des Umweltschutzes.

Warum der Gebrauchthandel schwerer ist als der Neuwarenhandel

Der eigentliche Unterschied liegt in der Ware. Neuware kommt in Serie, standardisiert, in bekannten Größen und Mengen. Gebrauchtkleidung ist ein Sortiment aus Einzelstücken. Jedes Teil muss geprüft, fotografiert, beschrieben, bepreist und einzeln gelistet werden – und existiert danach nur ein einziges Mal. Was im Neuwarenhandel ein Datensatz für tausend Artikel ist, wird hier tausendfacher Einzelaufwand. Genau daran entscheidet sich, ob ein Second-Hand-Geschäft skaliert oder im Rückraum an der Logistik erstickt. Die Digitalisierung, für die Auszeichnungen vergeben werden, ist deshalb keine Kür, sondern die Voraussetzung, dieses Mengenproblem überhaupt zu beherrschen.

Plattformen und ihre Grenzen

Getragen wird der Markt von großen Plattformen. Als meistgenutzt gelten in Deutschland Kleinanzeigenportale als Generalisten sowie spezialisierte Anbieter wie Vinted, das aus dem früheren Kleiderkreisel hervorging, und Ankaufdienste, die Kleidung selbst prüfen und weiterverkaufen. Zwischen diesen Modellen liegt ein entscheidender Unterschied: Beim privaten Verkauf über eine Plattform trägt der Nutzer den gesamten Aufwand und das Risiko selbst; beim professionellen Ankauf übernimmt der Händler beides und behält dafür eine Marge. Das erklärt, warum neben den Riesen weiter kleinere, spezialisierte Betriebe entstehen, die auf Kuratierung, Qualitätsprüfung und regionale Nähe setzen.

Ein Handel, der erwachsen wird

Die Auszeichnung eines einzelnen Anbieters ist damit weniger Anlass als Beleg. Der Second-Hand-Handel hat den Charme des Improvisierten hinter sich gelassen und die Mechanik des professionellen Einzelhandels übernommen – mit allen Konsequenzen. Für Verbraucher bedeutet das größere Auswahl, verlässlichere Beschreibungen und mehr Sicherheit beim Kauf, aber auch das Ende der Vorstellung, gebraucht sei automatisch billig. Für die Branche heißt es, dass Nachhaltigkeit und Betriebswirtschaft im selben Sortiment stecken. Was als Wühltisch begann, wird gerade zu einem Geschäft mit Warenwirtschaftssystem – und das ist die eigentliche Nachricht.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Marktrends. Genannte Unternehmen und Plattformen dienen als Beispiel; Marktzahlen beruhen auf Studien und Schätzungen Dritter und sind entsprechend als Prognosen zu verstehen.