News

Vom Wasserkisten-Format zur CubeSat-Flotte: 35 Jahre Kleinsatelliten aus Berlin

32 gestartete Satelliten in 35 Jahren: Die TU Berlin zählt zu den weltweit führenden Universitäten der Kleinsatellitenentwicklung. Ein Rückblick auf eine wenig beachtete deutsche Raumfahrtgeschichte.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Wenn von deutscher Raumfahrt die Rede ist, fallen meist Namen wie Airbus, OHB oder das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Dass eine der beständigsten Erfolgsgeschichten des Fachs an einer Universität spielt, ist dagegen kaum bekannt: Die Technische Universität Berlin hat in den vergangenen 35 Jahren 32 Satelliten erfolgreich ins All gebracht – und zählt damit nach eigenen Angaben zu den weltweit führenden Hochschulen in der studentischen und wissenschaftlichen Kleinsatellitenentwicklung. Am 13. Juli 2026 blickt ein öffentlicher Vortrag an der TU Berlin auf diese Geschichte zurück.

1991: Ein Satellit im Format einer Getränkekiste

Den Anfang machte ein Pionierprojekt, das aus heutiger Sicht fast rührend bescheiden wirkt. Unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Udo Renner, seit 1985 Professor für Raumfahrttechnik an der TU Berlin und zuvor unter anderem bei der europäischen Weltraumorganisation ESA tätig, entstand der erste deutsche Hochschulsatellit TUBSAT. 1991 wurde er erfolgreich gestartet – nach Universitätsangaben war er damals erst der vierte Satellit weltweit, der an einer Hochschule gebaut wurde. Das Gerät hatte etwa die Größe einer Wasserkiste, wog rund 35 Kilogramm und trug kaum mehr als eine Sternkamera zur Orientierung, Solarzellen und eine Funkeinheit.

Unter Renners Leitung folgten insgesamt sieben Kleinsatelliten, die mit unterschiedlichen Trägersystemen ins All gebracht wurden. Die Missionen reichten von ultramobiler Kommunikation über Experimente zur Lageregelung bis zur interaktiven Erdbeobachtung. Bemerkenswert ist die Haltbarkeit der Berliner Konstruktionen: Mehrere Satelliten erreichten laut TU Berlin Betriebszeiten von bis zu 19 Jahren – in einer Umgebung, in der kommerzielle Hardware oft deutlich früher aufgibt.

CubeSats: Wie die Raumfahrt studierbar wurde

Ab 2003 führte Prof. Dr.-Ing. Klaus Brieß das Fachgebiet Raumfahrttechnik in eine neue Phase. Brieß hatte zuvor die DLR-Mission BIRD geleitet, die Feuer- und Vulkanausbrüche aus dem Orbit beobachtete, und verlagerte den Berliner Schwerpunkt auf CubeSats und Nanosatelliten – standardisierte Kleinstsatelliten, die oft nur wenige Kilogramm wiegen. Mit der BEESAT-Reihe entstand eine eigene Berliner Technologielinie, die in zahlreichen Folgemissionen fortgeführt wurde.

Dieser Schwenk steht exemplarisch für eine Entwicklung, die die Raumfahrt insgesamt verändert hat. Der CubeSat-Standard hat die Kosten für einen Satellitenstart so weit gesenkt, dass Studierende heute im Rahmen ihrer Ausbildung reale Flughardware entwerfen, bauen und im Orbit betreiben können. Was früher Raumfahrtkonzernen und Staaten vorbehalten war, ist zum Lehrformat geworden – und bildet zugleich den Nachwuchs aus, auf den die wachsende kommerzielle Raumfahrtbranche („New Space") angewiesen ist. Erst im Januar 2026 hob nach Angaben der TU Berlin ein Berliner Satellit an Bord der ersten deutschen Trägerrakete ab – ein Hinweis darauf, wie eng universitäre Kleinsatellitenforschung und die junge deutsche Startup-Raumfahrt inzwischen verzahnt sind.

Öffentlicher Vortrag am 13. Juli

Seit 2021 leitet Prof. Dr.-Ing. Enrico Stoll das Fachgebiet Raumfahrttechnik am Institut für Luft- und Raumfahrt. Gemeinsam mit seinen beiden Vorgängern Renner und Brieß zeichnet er am Montag, dem 13. Juli 2026, ab 18 Uhr im Hörsaal C130 des Chemiegebäudes der TU Berlin (Straße des 17. Juni 115) die 35-jährige Geschichte der Berliner Satellitenentwicklung nach. Eingeladen wird gemeinsam mit der Bezirksgruppe Berlin-Brandenburg der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt; der Eintritt ist frei, die Veranstaltung richtet sich ausdrücklich auch an die interessierte Öffentlichkeit.

Dass drei Professorengenerationen gemeinsam auf dem Podium stehen, ist dabei mehr als eine akademische Geste. Es zeigt, wie Kontinuität in einem Feld entsteht, das von langen Entwicklungszyklen lebt: Ein Satellitenprogramm überdauert Berufungen, Moden und Förderperioden nur, wenn Wissen systematisch weitergegeben wird. 32 Starts in 35 Jahren sind insofern auch ein Beleg dafür, was universitäre Forschung leisten kann, wenn man ihr Zeit lässt.


Redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Mitteilungen der TU Berlin (via Informationsdienst Wissenschaft, 07.07.2026).

Mehr zum Thema

  • Strom für den Erdschatten: Warum die Batterie zum kritischen Bauteil im Satelliten wird
  • Pumpen nach Wetterlage und Strompreis: Wie die Nordseeküste ihre Entwässerung neu erfindet
  • Abhörsicher dank Physik: Wiesbaden testet Quantenschlüssel für die Landesverwaltung
  • Wenn der Datenschatz klein bleibt: Warum die Chemieindustrie eine eigene Art von KI braucht
  • Wenn der Härtetest täuscht: Warum die Chipindustrie ihre Zuverlässigkeitsprüfungen überdenken muss
  • Nanokäfige öffnen sich per Ultraschall: Düsseldorfer Forscher steuern molekulare Frachtcontainer mit Schallwellen