Tief durchatmen im Trend: Was Breathwork verspricht – und wo Vorsicht angebracht ist
Atemabende, Studios und Workshops: Bewusste Atemarbeit, „Breathwork" genannt, wächst zum Wellnesstrend. Befürworter berichten von Entspannung und emotionaler Entladung – Fachleute mahnen zugleich, dass intensives Hyperventilieren nicht harmlos ist.
In immer mehr Städten laden Studios und Kursleiter zu „Breathwork"-Abenden: Teilnehmende liegen auf Matten und atmen über längere Zeit bewusst schneller und tiefer als gewöhnlich, oft begleitet von Musik. Aus einer Nische der Yoga- und Achtsamkeitsszene ist ein eigener kleiner Markt geworden, der Entspannung, Stressabbau und das Lösen festgefahrener Gefühle verspricht. Der Trend verdient eine nüchterne Einordnung – gerade weil er mit dem Körper arbeitet.
Was Breathwork überhaupt meint
Der Begriff bündelt sehr unterschiedliche Techniken. Gemeinsam ist ihnen, dass die Atmung bewusst gesteuert wird, um einen veränderten körperlichen oder seelischen Zustand zu erreichen. Manche Methoden setzen auf ruhige, verlangsamte Atemzüge, wie sie auch aus dem Yoga bekannt sind. Andere, intensivere Formen arbeiten mit schneller, fast hyperventilierender Atmung, die nach Angaben der Anbieter in einen meditations- oder tranceähnlichen Zustand führen soll. Zwischen einer sanften Atemübung zum Feierabend und einer stundenlangen, angeleiteten Session liegen deshalb Welten.
Was Anhänger sich davon versprechen
Befürworter beschreiben Breathwork als Werkzeug gegen Stress und innere Unruhe: Wer sich bewusst auf den Atem konzentriere, komme leichter zur Ruhe und könne aufgestaute Anspannung lösen. Bei intensiveren Formen berichten Teilnehmende zudem von starken emotionalen Reaktionen. Wichtig ist hier die Einordnung: Solche Schilderungen sind subjektive Erfahrungsberichte. Eine breite, belastbare Studienlage, die weitreichende gesundheitliche Wirkungen belegen würde, existiert bislang nicht – die wissenschaftliche Untersuchung intensiver Atemtechniken steht eher am Anfang.
Warum Hyperventilation nicht harmlos ist
Gerade die intensiven Varianten sind mit körperlichen Risiken verbunden. Wird über längere Zeit verstärkt Kohlendioxid abgeatmet, kann eine sogenannte respiratorische Alkalose entstehen – eine Verschiebung im Säure-Basen-Haushalt des Blutes. Fachleute nennen als mögliche Folgen Schwindel, Sehstörungen, Benommenheit bis hin zur Ohnmacht, weil sich Gefäße im Gehirn vorübergehend verengen. Häufig beschrieben werden auch Kribbeln in Händen, Füßen und Gesicht sowie Muskelkrämpfe, ausgelöst durch Verschiebungen im Mineralstoffhaushalt.
Hinzu kommt eine psychische Dimension: Intensive Atemsessions können destabilisierend wirken, besonders bei Menschen mit belastenden oder traumatischen Erfahrungen in der Vorgeschichte. Ohne fachkundige Begleitung kann das nach Einschätzung von Fachleuten mehr schaden als nutzen.
Für wen intensive Techniken nicht geeignet sind
Ausdrücklich zur Vorsicht geraten wird bestimmten Gruppen. Als Situationen, in denen intensive Hyperventilationsübungen riskant sein können, gelten unter anderem Epilepsie, schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein grüner Star (Glaukom), eine Schwangerschaft sowie schwere psychiatrische Erkrankungen. Wer zu diesen Gruppen zählt oder unsicher ist, sollte solche Übungen nicht im Alleingang ausprobieren.
Zwischen Selbstfürsorge und Vorsicht
Dass Menschen den Atem als Weg zu mehr Ruhe entdecken, ist wenig verwunderlich – er ist immer verfügbar und kostet nichts. Sanfte, langsame Atemübungen gelten weithin als unbedenklich und lassen sich gut in den Alltag einbauen. Bei den intensiven, tranceorientierten Formen jedoch trennt sich Wellness-Versprechen von medizinischer Vorsicht. Eine seriöse Begleitung, ein ehrlicher Blick auf mögliche Vorerkrankungen und ein gesundes Misstrauen gegenüber allzu großen Heilsversprechen gehören zu diesem Trend dazu.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung und ersetzt keine Gesundheitsberatung. Wer gesundheitliche Vorerkrankungen hat oder unsicher ist, sollte vor intensiven Atemtechniken ärztlichen Rat einholen.