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Der Käfer klettert bergauf: Wie der Borkenkäfer den Schutzwald der Alpen erreicht

In den Hochlagen der Bayerischen Alpen galt das kühle Klima lange als natürliche Bremse für den Borkenkäfer. Mit steigenden Temperaturen verschiebt sich diese Grenze nach oben – mit Folgen ausgerechnet für jene Wälder, die Dörfer vor Lawinen und Muren schützen.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Wenige Millimeter groß, unscheinbar braun – und doch einer der folgenreichsten Waldbewohner Mitteleuropas: Der Buchdrucker, die bekannteste Borkenkäferart an der Fichte, hat in den vergangenen Jahren riesige Schadholzmengen verursacht. Was Fachleute nun besonders aufmerksam beobachten, ist eine Verschiebung in die Höhe. In Regionen, in denen die Käfer wegen der Kälte bislang kaum Fuß fassten, tauchen sie zunehmend auf: in den Hochlagen der Bayerischen Alpen und anderer Gebirgszüge.

Warum die Höhe bislang schützte

Der Borkenkäfer ist ein Wärme-Profiteur. Seine Entwicklung vom Ei bis zum fertigen Insekt läuft umso schneller ab, je wärmer es ist. In den tiefen Lagen konnte der Buchdrucker in heißen Jahren deshalb schon lange zwei oder sogar drei Generationen pro Saison bilden – eine explosionsartige Vermehrung, die selbst gesunde Bestände überfordern kann. In den Hochlagen der Alpen dagegen reichte die Vegetationszeit meist nur für eine, selten zwei Generationen. Das kühle Bergklima wirkte wie ein natürlicher Deckel auf die Population.

Genau dieser Deckel gerät durch steigende Temperaturen ins Rutschen. Nach Einschätzung der Forschung nimmt die Entwicklungsgeschwindigkeit der Käferbrut mit der Wärme klar zu, sodass künftig auch in höheren Lagen häufiger eine zusätzliche Generation heranwachsen kann. Besonders auffällig ist der Befall an südseitig ausgerichteten, sonnigen Berghängen, wo sich Holz und Luft stärker aufheizen. Damit verschiebt sich die Grenze, bis zu der Fichten dem Käfer bislang weitgehend entkamen, Stück für Stück bergauf.

Das Problem heißt Schutzwald

Was den Vorgang von einem gewöhnlichen Waldschaden unterscheidet, ist die Funktion der betroffenen Wälder. Bergwälder sind vielerorts nicht in erster Linie Holzlieferant, sondern Schutzwald: Sie halten Hänge stabil, bremsen Lawinen, Steinschlag und Muren und bewahren so Straßen, Bahnlinien und Siedlungen vor Naturgefahren. Verliert die Fichte in solchen Lagen ihre Vitalität oder stirbt sie großflächig ab, kann die Schutzwirkung ins Wanken geraten – und die entstehenden Lücken lassen sich in steilem, unwegsamem Gelände nur mühsam und über Jahrzehnte wieder aufforsten.

Hinzu kommt, dass die Fichte in vielen Bergregionen die dominierende Baumart ist. In den kühleren Hochlagen galten die Alpen lange sogar als mögliches Rückzugsgebiet für die Baumart, während sie in den wärmeren Tieflagen zunehmend an ihre Grenzen stößt. Wenn der Borkenkäfer nun auch in diese Rückzugsräume vordringt, verkleinert sich der Spielraum, mit dem Forstleute planen können.

Zwischen Waldumbau und Bürgerbeobachtung

Patentrezepte gibt es nicht. Diskutiert und praktiziert wird vor allem ein langfristiger Waldumbau hin zu Mischbeständen, in denen neben der Fichte auch Baumarten wie Tanne, Buche oder Bergahorn stehen – Bäume, die der Käfer nicht befällt und die einen Ausfall der Fichte abfedern können. Solche Mischwälder sind ökologisch stabiler, brauchen aber Zeit und lassen sich im Steilhang nur begrenzt steuern. Kurzfristig bleibt vor allem das genaue Beobachten: das frühzeitige Erkennen befallener Bäume, um sie zu entfernen, bevor die nächste Käfergeneration ausfliegt.

Dass ausgerechnet ein wenige Millimeter kleines Insekt zum Gradmesser des Klimawandels im Gebirge wird, macht die Sache anschaulich. Der Borkenkäfer folgt schlicht der Wärme – und zeigt damit, wie sich ökologische Grenzen verschieben, die über Generationen als fest galten. Für die Bergwälder und die Menschen, die unter ihnen leben, ist das mehr als eine forstliche Randnotiz.


Dieser Beitrag fasst den aktuellen Forschungs- und Diskussionsstand redaktionell zusammen und dient der allgemeinen Einordnung.