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Der geheime Spürsinn der Wurzeln: Warum Pflanzen totes Grün meiden – Aas aber nicht

Forschende beschreiben mit dem "Saprotropismus" einen neuen Sinn: Wurzeln erkennen verrottendes Pflanzenmaterial und weichen ihm aus – tierischer Verwesung aber nicht. Was hinter dem unterirdischen Frühwarnsystem steckt.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Pflanzen können nicht weglaufen. Wo ein Samen keimt, muss die Pflanze bleiben – und trotzdem täglich Entscheidungen treffen: Wohin wächst der Trieb, wohin die Wurzel? Dass sich Sprosse dem Licht zuwenden, ist als Phototropismus seit Langem bekannt. Nun beschreiben Forschende einen bislang übersehenen Sinn im Boden, der ähnlich grundlegend sein könnte. Sie nennen ihn Saprotropismus – die Fähigkeit von Wurzeln, verrottendes Pflanzenmaterial zu erkennen und ihm auszuweichen.

Ein neuer Sinn unter der Erde

Der Befund klingt zunächst unspektakulär, ist aber ein kleiner Paradigmenwechsel: Wurzeln orientieren sich nicht nur an Wasser, Nährstoffen und Schwerkraft, sondern nehmen offenbar auch chemische Signale wahr, die beim Zersetzen abgestorbener Pflanzenteile entstehen. Registriert die Wurzelspitze solche Zerfallsprodukte, ändert sie ihre Wuchsrichtung und wächst von der Quelle weg. Die Pflanze hält damit aktiv Abstand zu einer Zone, in der es unter der Erde brodelt.

Bemerkenswert ist die Trennschärfe dieses Sinns. Nach den vorliegenden Beschreibungen reagieren die Wurzeln gezielt auf verrottendes pflanzliches Material – tierische Verwesung dagegen löst das Ausweichverhalten nicht in gleicher Weise aus. Die Pflanze unterscheidet also, welche Art von Zersetzung in ihrer Nähe abläuft. Das deutet darauf hin, dass es nicht um Fäulnis im Allgemeinen geht, sondern um ein spezifisches Warnsignal.

Warum Abstand halten sinnvoll ist

Der biologische Sinn hinter dem Verhalten liegt nahe. Dort, wo pflanzliches Gewebe verrottet, tummeln sich zahlreiche Mikroorganismen – Pilze und Bakterien, die totes Material zersetzen. Ein Teil dieser Organismen kann jedoch auch lebende, gesunde Wurzeln befallen. Wer diesen Hotspots ausweicht, verringert das Risiko einer Infektion. Saprotropismus wäre damit eine Art vorbeugende Hygienestrategie: Die Pflanze umgeht Krankheitsquellen, bevor sie überhaupt in Kontakt mit ihnen kommt.

Dass ausgerechnet zerfallendes Pflanzenmaterial und nicht tierische Kadaver gemieden werden, passt zu dieser Deutung. Krankheitserreger, die für Pflanzen gefährlich werden, stammen typischerweise aus dem pflanzlichen Zersetzungsmilieu. Ein Kadaver hingegen liefert eher Nährstoffe, ohne die gleiche Bedrohung mitzubringen. Das Ausweichverhalten wäre also kein blindes Fluchtreflex, sondern eine erstaunlich fein austarierte Antwort auf ein konkretes Risiko.

Was das für die Landwirtschaft bedeuten könnte

Aus einer Grundlagenbeobachtung ergeben sich schnell praktische Fragen. Wird etwa Ernterückstand oder Gründüngung in den Boden eingearbeitet, könnte frisch ausgesätes Getreide in genau der Phase wachsen, in der das Material noch aktiv verrottet. Nach der Logik des Saprotropismus könnten die jungen Wurzeln dann irritiert werden und schlechter Fuß fassen. Ein möglicher Schluss wäre, mit der Aussaat zu warten, bis eingearbeitetes Pflanzenmaterial weitgehend zersetzt ist – ob und wie stark sich das auf Erträge auswirkt, müsste die Praxis allerdings erst zeigen.

Perspektivisch denken die Forschenden auch an die Züchtung. Sollten sich Sorten mit besonders ausgeprägtem Saprotropismus identifizieren lassen, könnten diese widerstandsfähiger gegenüber bodenbürtigen Krankheiten sein. Das ist bislang eine Hoffnung, kein fertiges Werkzeug. Offen ist auch, wie weit verbreitet der Sinn tatsächlich ist. Die Vermutung lautet, dass zumindest Kulturpflanzen – womöglich alle Pflanzen – darüber verfügen; belastbar geklärt ist das noch nicht.

Ein Mosaikstein im Bild der klugen Pflanze

Der Fund reiht sich in eine Serie von Erkenntnissen ein, die das alte Bild der passiven Pflanze weiter aufweichen. Gewächse kommunizieren über Duftstoffe, tauschen über Pilznetzwerke im Boden Signale aus und reagieren differenziert auf Berührung, Licht und Schwerkraft. Der Saprotropismus fügt dieser Liste eine unterirdische Wahrnehmung hinzu, die lange schlicht übersehen wurde – vielleicht, weil sich das Geschehen an der Wurzelspitze der direkten Beobachtung entzieht.

Wie belastbar das Konzept ist und in welchem Umfang es sich auf verschiedene Arten übertragen lässt, werden weitere Studien zeigen müssen. Für den Moment aber ist es vor allem eine Einladung, genauer hinzusehen, was sich unter unseren Füßen abspielt – und ein Beleg dafür, dass selbst scheinbar reglose Organismen erstaunlich aktiv ihre Umwelt lesen.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich verfügbarer wissenschaftlicher Berichterstattung. Die beschriebenen Ergebnisse stammen aus laufender Forschung; einzelne Schlussfolgerungen können sich mit weiteren Studien noch ändern.

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