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Streit um den dunklen Himmel: Warum Astronomen eine Obergrenze für Satelliten fordern

Über 1,7 Millionen Satelliten sind derzeit weltweit beantragt oder geplant. Eine neue ESO-Studie rechnet vor, was das für den Nachthimmel bedeuten würde – und nennt erstmals eine konkrete Obergrenze.

Von Anton · · 3 Min. Lesezeit

Wer in einer klaren Nacht nach oben schaut, sieht immer öfter bewegliche Lichtpunkte zwischen den Sternen: Satelliten, meist aus den schnell wachsenden Kommunikationskonstellationen im niedrigen Erdorbit. Was für Laien ein kurioser Anblick ist, entwickelt sich für die Wissenschaft zum ernsten Problem. Eine neue Studie der Europäischen Südsternwarte (ESO), über die unter anderem der Informationsdienst Wissenschaft und Fachmedien wie heise online berichten, beziffert nun erstmals konkret, wie stark geplante Satellitenflotten astronomische Beobachtungen beeinträchtigen würden – und kommt zu einem deutlichen Ergebnis.

1,7 Millionen Satelliten in den Antragsbüchern

Nach Angaben der Studie summieren sich die derzeit weltweit angemeldeten und geplanten Vorhaben auf mehr als 1,7 Millionen Satelliten. Den größten Anteil daran haben laut Berichten die Pläne von SpaceX, das allein rund eine Million weitere Satelliten beantragt haben soll. Hinzu kommen Projekte wie das des US-Unternehmens Reflect Orbital, das deutlich weniger, dafür aber extrem helle Objekte in den Orbit bringen will – Spiegel, die Sonnenlicht gezielt auf die Erde lenken sollen. Zur Einordnung: Aktuell kreisen einige Zehntausend aktive Satelliten um die Erde; die geplanten Zahlen bewegen sich also in einer völlig anderen Größenordnung.

Ein aufgehellter Himmel als Messproblem

Das Kernproblem ist dabei nicht nur, dass einzelne Satelliten als helle Streifen durch Teleskopaufnahmen ziehen. Die Studie berechnet erstmals, wie sehr große Konstellationen den Nachthimmel insgesamt aufhellen würden – durch reflektiertes Sonnenlicht vieler Objekte gleichzeitig. Für empfindliche Instrumente wie das Very Large Telescope in Chile oder das im Bau befindliche Extremely Large Telescope wäre ein solcher künstlich aufgehellter Himmel ein fundamentales Problem: Schwache, weit entfernte Objekte heben sich dann kaum noch vom Hintergrund ab. Würden die geplanten Vorhaben umgesetzt, hätte das laut der Studie "verheerende Folgen für die Astronomie".

Die vorgeschlagene Grenze: 100.000 lichtschwache Objekte

Bemerkenswert an der Untersuchung ist, dass sie nicht bei der Warnung stehen bleibt, sondern eine konkrete Zahl nennt: Um die Beobachtung des Nachthimmels mit modernen Teleskopen dauerhaft zu sichern, sollte die Gesamtzahl der Satelliten im Erdorbit demnach 100.000 nicht überschreiten – und zwar lichtschwache Objekte, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind. Das wäre immer noch ein Vielfaches des heutigen Bestands, aber ein Bruchteil dessen, was derzeit beantragt ist.

Regulierung hinkt der Entwicklung hinterher

Rechtlich bewegt sich die Debatte in einem weitgehend ungeregelten Raum. Internationale Vorgaben zur Helligkeit von Satelliten existieren bislang nicht; Frequenzen und Orbits werden zwar koordiniert, die Auswirkungen auf den Nachthimmel spielen in Genehmigungsverfahren aber kaum eine Rolle. Astronomische Organisationen fordern seit Jahren verbindliche Standards, etwa Obergrenzen für die Reflektivität oder Rücksichtnahme auf Schutzzonen um große Observatorien. Die neue ESO-Studie liefert dieser Debatte nun erstmals eine belastbare quantitative Grundlage.

Mehr als ein Wissenschaftsproblem

Betroffen wäre am Ende nicht nur die Forschung. Ein natürlicher dunkler Nachthimmel gilt vielen als Kulturgut – Dark-Sky-Initiativen kämpfen weltweit gegen Lichtverschmutzung am Boden, während die neue Konkurrenz nun aus dem Orbit kommt. Zugleich stehen handfeste wirtschaftliche und strategische Interessen dahinter: Satelliteninternet verspricht Anschluss für entlegene Regionen und ist längst auch sicherheitspolitisch relevant. Der Konflikt zwischen kommerzieller Raumfahrt und dem Blick ins Universum dürfte damit zu einer der spannenderen Regulierungsfragen der kommenden Jahre werden – ausgetragen auf einer Bühne, die buchstäblich allen gehört.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung einer aktuellen ESO-Studie auf Basis öffentlich zugänglicher Berichterstattung.

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