Problem pauken oder Lösungen üben? Ein Forschungsprojekt testet, wie Nachhaltigkeit im Erdkundeunterricht wirklich ankommt
Drei Unterrichtsansätze, 90 Schulen, ein Thema: Das DFG-Projekt GeoLoT will klären, wie Bildung für nachhaltige Entwicklung im Geographieunterricht am besten wirkt.
Klimawandel, Ressourcenkonflikte, globale Lieferketten: Kaum ein Schulfach ist so nah an den großen Weltproblemen wie die Geographie. Bildung für nachhaltige Entwicklung – kurz BNE – ist in den Lehrplänen längst als Querschnittsthema verankert. Doch eine erstaunlich grundlegende Frage ist bislang kaum empirisch beantwortet: Wie unterrichtet man solche Themen eigentlich so, dass bei den Schülerinnen und Schülern mehr hängen bleibt als ein diffuses Gefühl der Überforderung? Ein neues Forschungsprojekt will das nun systematisch klären.
Drei Wege, ein Ziel
Hinter dem sperrigen Titel „Problemfokussierter, lösungsorientierter und transformativ-lösungsorientierter Geographieunterricht im Kontext von BNE" – Kurzname GeoLoT – steht ein Vergleich dreier didaktischer Grundhaltungen. Der klassische, bislang dominierende Ansatz ist problemfokussiert: Er stellt das Erkennen und Durchdringen eines Problems in den Mittelpunkt, setzt also vor allem auf Kognition. Neuere Konzepte gehen einen Schritt weiter. Lösungsorientierter Unterricht rückt mögliche Auswege und Handlungsoptionen ins Zentrum, der transformativ-lösungsorientierte Ansatz zielt zusätzlich darauf, dass Lernende Veränderungsprozesse aktiv mitdenken und mitgestalten.
Getragen wird das Projekt von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und dem DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Vorhaben von 2026 bis 2028. Die Forschenden interessiert dabei ausdrücklich nicht nur, was die Jugendlichen am Ende wissen: Untersucht wird auch, wie die Ansätze auf Interesse, Motivation und Handlungsbereitschaft wirken – Teilkompetenzen, die für den Umgang mit globalen Herausforderungen als ebenso entscheidend gelten wie reines Faktenwissen.
Soja als Testfall an 90 Schulen
Konkret haben die Beteiligten drei jeweils achtstündige Unterrichtseinheiten zum Thema Sojaanbau entwickelt – einmal problemfokussiert, einmal lösungsorientiert, einmal transformativ-lösungsorientiert. Das Thema ist klug gewählt: Am Soja hängen Regenwaldrodung, Welternährung, Fleischkonsum und Handelspolitik, es lässt sich also je nach Ansatz sehr unterschiedlich erzählen. Im Frühjahr und Sommer 2027 sollen die Einheiten an rund 90 Schulen in den Jahrgangsstufen 11 und 12 in Baden-Württemberg und Hessen erprobt werden.
Methodisch fährt das Projekt einiges auf: Neben Befragungen vor und nach der Einheit sowie abschließenden Gruppendiskussionen wird nach jeder einzelnen Unterrichtsstunde das emotionale Befinden der Schülerinnen und Schüler erhoben. Gerade dieser Punkt ist bemerkenswert – in der Debatte um Klimabildung wird seit Jahren diskutiert, ob ein rein problemzentrierter Unterricht bei Jugendlichen eher Ohnmachtsgefühle als Engagement auslöst. Belastbare Vergleichsdaten dazu sind rar.
Fertige Materialien statt Mehrarbeit
Für teilnehmende Schulen haben die Projektpartner die Hürden bewusst niedrig gelegt. Die Einheiten sind an den Bildungsplan der gymnasialen Oberstufe in Baden-Württemberg beziehungsweise das hessische Kerncurriculum angebunden und vollständig ausgearbeitet – samt Verlaufsplänen, Aufgaben, Materialien und Lösungen. Lehrkräfte erhalten eine vorbereitende Online-Schulung und später eine Rückmeldung zu den Ergebnissen ihrer Klasse. Als kleines Dankeschön werden für jede teilnehmende Klasse Bäume gepflanzt, wobei die Schulen das Pflanzprojekt selbst auswählen können.
Warum das über den Erdkundeunterricht hinaus zählt
Interessant ist das Projekt auch deshalb, weil BNE bildungspolitisch seit Jahren gefordert und gefördert wird, die Wirkungsforschung dazu aber hinterherhinkt. Ob Nachhaltigkeitsthemen tatsächlich Kompetenzen aufbauen oder vor allem Betroffenheit erzeugen, entscheidet sich im Detail der Didaktik – und genau dieses Detail wurde bisher selten sauber experimentell verglichen. Sollten sich die neueren, lösungs- und handlungsorientierten Ansätze als wirksamer erweisen, hätte das Folgen weit über das Fach Geographie hinaus: Auch Politik-, Biologie- oder Ethikunterricht arbeiten mit denselben Grundmustern. Erste Ergebnisse sind nach Abschluss der Erhebungen ab 2027 zu erwarten.
Redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und des Informationsdiensts Wissenschaft (idw).
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