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Methanol statt Wasserstoff: Warum eine Berliner Studie den Energiewende-Fahrplan hinterfragt

Ein weitgehend elektrifiziertes Energiesystem braucht einen Notnagel für die letzten, schwer umstellbaren Anwendungen. Eine Studie der TU Berlin plädiert dafür, diesen Rest mit Methanol statt mit Wasserstoff zu decken – und rührt damit an eine der teuersten Wetten der deutschen Energiewende.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Die Energiewende wird oft als Wettlauf um Erzeugung erzählt: mehr Wind, mehr Sonne, mehr Leitungen. Eine Frage entscheidet über die Kosten aber mindestens ebenso stark – nämlich, wie ein klimaneutrales System jene Lücken füllt, in denen weder Strom aus der Steckdose noch die direkte Elektrifizierung ausreichen. Für diese Restmenge gilt Wasserstoff seit Jahren als Hoffnungsträger. Eine Studie der Technischen Universität Berlin stellt nun genau diese Selbstverständlichkeit infrage.

Zuerst elektrifizieren – und dann?

Der Ausgangspunkt der Forschenden ist weniger umstritten, als es zunächst klingt: Ein künftiges Energiesystem in Europa lässt sich zum allergrößten Teil über direkte Elektrifizierung abbilden. Wärmepumpen statt Gasheizungen, Elektromotoren statt Verbrenner, strombetriebene Prozesse in der Industrie – all das nutzt erneuerbaren Strom unmittelbar und ist damit deutlich effizienter, als ihn erst in ein anderes Medium umzuwandeln.

Übrig bleibt ein schmaler, aber hartnäckiger Rest: Anwendungen, die sich kaum sinnvoll elektrifizieren lassen. Dazu zählen etwa die Hochsee-Schifffahrt, Teile der Luftfahrt und einige industrielle Prozesse, in denen es auf einen speicherbaren, transportfähigen Energieträger ankommt. Für diesen Rest braucht es einen chemischen Speicher – und an dieser Stelle setzt der Streit an.

Die Wette auf die Salzkaverne

Wasserstoff gilt vielen als naheliegende Antwort, weil er sich mit Strom aus Wasser gewinnen und danach verbrennen oder rückverstromen lässt. Sein Problem ist die Lagerung. Wirtschaftlich große Mengen speichern lässt sich Wasserstoff vor allem in unterirdischen Salzkavernen – geologischen Hohlräumen, die es nicht überall gibt. In Deutschland konzentrieren sie sich stark auf den Norden. Genau darauf zielt die Kritik von Studienleiter Tom Brown vom Fachgebiet Digitale Transformation in Energiesystemen: Der Fokus auf diese Kavernen unterstelle eine Infrastruktur, die regional begrenzt und keineswegs überall verfügbar sei.

Muss Wasserstoff stattdessen in Drucktanks aus Stahl gelagert werden, kippt die Rechnung. Nach den Berechnungen der Studie wäre Strom, der über Methanol als Speichermedium bereitgestellt wird, in diesem Fall rund 29 bis 43 Prozent günstiger. Der Grund liegt in den Eigenschaften des Stoffs: Methanol ist bei Raumtemperatur flüssig, lässt sich in einfachen Tanks lagern und über bestehende Wege transportieren – ohne aufwendige Kühlung oder Hochdrucktechnik.

Fast gleiche Kosten, andere Abhängigkeiten

Bemerkenswert ist, dass die Studie Methanol nicht als billige Wunderlösung verkauft. Über das Gesamtsystem gerechnet lägen die Kosten laut den Autoren nur geringfügig höher als in einem idealen Wasserstoff-Szenario. Der eigentliche Vorteil liegt weniger im Preis als in der Unabhängigkeit von einer speziellen Geologie: Wer nicht auf Salzkavernen angewiesen ist, kann Speicher dort errichten, wo sie gebraucht werden. Methanol entsteht dabei aus Wasserstoff und Kohlendioxid; klimaneutral ist es nur, wenn das CO₂ aus nachhaltigen Quellen stammt oder im Kreislauf geführt wird – ein Punkt, den die Debatte nicht übergehen sollte.

Warum das mehr ist als ein akademischer Disput

Solche Modellrechnungen sind keine Prognosen, sondern Szenarien: Sie hängen an Annahmen über Preise, Technikfortschritt und politische Weichenstellungen. Ein einzelnes Paper stürzt die Wasserstoffstrategie nicht um, und andere Fachleute setzen weiterhin auf Wasserstoff, gerade weil sich rund um ihn bereits Netze, Förderprogramme und industrielle Interessen gebildet haben. Genau darin liegt die Brisanz: Die Infrastruktur für die letzten Prozente eines klimaneutralen Systems wird jetzt geplant, mit Investitionen, die über Jahrzehnte binden.

Die Berliner Studie ist damit vor allem eine Einladung, den scheinbar feststehenden Fahrplan noch einmal zu prüfen, bevor Milliarden in Leitungen und Kavernen fließen. Ob am Ende Wasserstoff, Methanol oder ein Nebeneinander mehrerer Speicher steht, ist offen. Klar ist nur, dass die Antwort auf die unscheinbare Frage nach dem „Rest" darüber mitentscheidet, wie teuer die Energiewende insgesamt wird.


Dieser Beitrag ordnet eine wissenschaftliche Studie redaktionell ein und gibt deren Ergebnisse in eigenen Worten wieder. Modellrechnungen beruhen auf Annahmen und sind keine gesicherten Vorhersagen.