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Mehr Arten, weniger Eigenheit: Warum Europas Pflanzenwelt trotz wachsender Vielfalt ärmer wird

In Europa wächst die Zahl der Pflanzenarten – und doch verarmt die Natur. Warum steigende Artenzahlen in die Irre führen und was biologische Homogenisierung damit zu tun hat.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Es klingt nach einer guten Nachricht: In weiten Teilen Europas wächst die Zahl der Pflanzenarten, die an einem Ort zu finden sind. Wer Biodiversität allein an der Artenzahl misst, könnte daraus schließen, dass es der Natur besser geht als befürchtet. Doch die Forschung warnt vor genau diesem Trugschluss. Hinter der steigenden Artenzahl verbirgt sich ein Prozess, der die europäische Pflanzenwelt langfristig ärmer und austauschbarer macht.

Das Paradox der wachsenden Vielfalt

Während die biologische Vielfalt weltweit unter Druck steht und vielerorts schrumpft, steigt die lokale Artenzahl in zahlreichen europäischen Regionen tatsächlich an. Der Grund liegt weniger in einer Erholung heimischer Lebensräume als in der Zuwanderung neuer Arten. Eingeschleppte und eingewanderte Pflanzen erweitern die Liste der vor Ort vorkommenden Arten – und treiben damit eine Kennzahl nach oben, die für sich genommen wenig über den Zustand eines Ökosystems aussagt.

Forschende sprechen in diesem Zusammenhang von biologischer Homogenisierung. Damit ist gemeint, dass sich Pflanzengemeinschaften über große Distanzen hinweg immer ähnlicher werden. Dieselben anpassungsfähigen, oft weit verbreiteten Arten setzen sich an vielen Standorten durch, während spezialisierte, seltene oder regional einzigartige Arten zurückgedrängt werden. Das Ergebnis ist eine Landschaft, die rechnerisch artenreicher, in ihrer Eigenart aber verarmt ist.

Warum reine Artenzahlen in die Irre führen

Der Fall zeigt exemplarisch, warum Biodiversität mehr ist als das Zählen von Arten an einem einzelnen Punkt. Ökologen unterscheiden zwischen der Vielfalt vor Ort und der Unterschiedlichkeit zwischen verschiedenen Orten. Steigt die lokale Artenzahl, während gleichzeitig überall dieselben Arten dominieren, kann die übergeordnete Vielfalt einer Region sogar abnehmen. Eine Wiese, auf der einige weit verbreitete Allerweltsarten neu hinzukommen, ersetzt nicht den Verlust einer einzigartigen, an besondere Bedingungen angepassten Pflanzengemeinschaft.

Auswertungen zahlreicher Langzeitstudien über Jahrzehnte hinweg stützen dieses Bild. Sie zeigen, dass sich die Artenvielfalt regional sehr unterschiedlich entwickelt und dass globale Durchschnittswerte den eigentlichen Wandel oft verschleiern. Wo viele Standorte beobachtet werden, treten Verschiebungen in der Zusammensetzung der Arten hervor, die bei einem bloßen Blick auf die Gesamtzahl unsichtbar bleiben.

Die Rolle von Klima und Mensch

Treiber dieser Entwicklung sind vor allem der Mensch und der Klimawandel. Globaler Handel und Reiseverkehr verschleppen Pflanzenarten über Kontinente hinweg, Landnutzung und Düngung verändern die Bedingungen vor Ort, und steigende Temperaturen verschieben die Verbreitungsgrenzen ganzer Artengruppen. Aktuelle Untersuchungen betonen dabei, dass sich die Folgen des Klimawandels nicht überall gleich auswirken, sondern stark vom jeweiligen Ökosystem abhängen: Was einem Lebensraum zusetzt, kann einem anderen kurzfristig sogar mehr Arten bescheren – ohne dass dies ökologisch ein Gewinn wäre.

Für den Naturschutz hat das praktische Konsequenzen. Erfolg lässt sich nicht daran ablesen, ob irgendwo mehr Arten gezählt werden. Entscheidend ist, ob die charakteristischen, standortgebundenen Pflanzengemeinschaften erhalten bleiben und ob Lebensräume ihre Unterschiedlichkeit behalten. Schutzmaßnahmen, die nur auf hohe Artenzahlen zielen, könnten die schleichende Vereinheitlichung sogar übersehen.

Ein genauerer Blick lohnt sich

Die wachsende Pflanzenvielfalt in Europa ist damit ein Lehrstück darüber, wie irreführend eine einzelne Zahl sein kann. Erst der genaue Blick darauf, welche Arten kommen, welche gehen und wie ähnlich sich Landschaften werden, zeigt das vollständige Bild. Dass mehr nicht automatisch besser bedeutet, gilt in der Ökologie ebenso wie anderswo – und macht aus einer vermeintlich beruhigenden Statistik einen Grund, genauer hinzusehen.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung aktueller Forschungsergebnisse und ersetzt keine wissenschaftliche Fachpublikation. Einzelne Befunde stammen aus verschiedenen Studien und können je nach Region und Untersuchungszeitraum abweichen.

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