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Mehr als Lehrbetriebe: Warum der Wissenschaftsrat private Hochschulen stärker ins System holen will

Rund jeder zehnte Studierende lernt an einer privaten Hochschule – geforscht wird dort aber wenig. Der Wissenschaftsrat empfiehlt nun, den Sektor stärker ins Wissenschaftssystem einzubinden. Was dahintersteckt.

Von Anton · · 3 Min. Lesezeit

Private Hochschulen sind längst kein Randphänomen mehr: Rund jeder zehnte Studierende in Deutschland ist an einer privaten Einrichtung eingeschrieben, die Zahl der Anbieter ist über Jahre gewachsen. Umso bemerkenswerter ist, was der Wissenschaftsrat (WR) – das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern – nun in einer aktuellen Stellungnahme empfiehlt: Private Hochschulen sollen ihre wissenschaftlichen Beiträge ausbauen und besser in das deutsche Wissenschaftssystem integriert werden. Die Mitteilung wurde über den Informationsdienst Wissenschaft (idw) verbreitet.

Das Spannungsfeld: akademischer Anspruch trifft Geschäftsmodell

Der Befund des Gremiums benennt ein strukturelles Dilemma, das den privaten Sektor seit Jahren begleitet. Private Hochschulen finanzieren sich überwiegend aus Studiengebühren und müssen wirtschaftlich arbeiten – anders als staatliche Hochschulen, die eine Grundfinanzierung der Länder erhalten. Laut Wissenschaftsrat stehen viele Einrichtungen deshalb vor der Herausforderung, akademische Prinzipien und wirtschaftliche Effizienz in Einklang zu bringen. Forschung spiele dabei oft eine untergeordnete Rolle, was die wissenschaftliche Entwicklung der Häuser hemme.

Das ist keine Abrechnung mit dem Sektor, im Gegenteil: WR-Chef Wolfgang Wick betont, dass private Hochschulen Chancen für das gesamte Wissenschaftssystem bieten. Die Empfehlungen zielen darauf, diese Potenziale zu heben, statt den Sektor kleinzureden.

Was private Hochschulen heute leisten – und was nicht

Die Stärken der Privaten liegen traditionell in der Lehre: berufsbegleitende und digitale Studienformate, enge Praxisverzahnung, schnelle Reaktion auf Arbeitsmarktbedarfe. Genau damit haben sie Zielgruppen erschlossen, die das staatliche System lange vernachlässigt hat – Berufstätige, Quereinsteiger, Fernstudierende. In der Forschung dagegen bleibt der Sektor blass: Forschungsstarke private Einrichtungen sind die Ausnahme, Promotionsrechte selten, drittmittelfinanzierte Projekte im Vergleich zu Universitäten marginal.

Für das Gesamtsystem ist das nicht trivial. Wenn ein wachsender Teil der Studierenden an Einrichtungen lernt, in denen kaum geforscht wird, verschiebt sich das Verhältnis von Lehre und Forschung in der akademischen Ausbildung insgesamt. Die Frage, wie forschungsnah ein Studium sein muss, um „akademisch" zu sein, stellt sich damit neu.

Integration statt Parallelwelt

Die Stoßrichtung der Empfehlungen lässt sich als Einladung lesen: raus aus der Parallelwelt, rein ins System. Denkbare Wege dafür gibt es einige – stärkere Beteiligung privater Hochschulen an Forschungsverbünden und Förderprogrammen, Kooperationen mit staatlichen Universitäten und außeruniversitären Instituten, transparente Qualitätssicherung über die institutionelle Akkreditierung, die der Wissenschaftsrat selbst verantwortet. Zugleich richtet sich der Appell an die Privaten selbst: Wer als vollwertiger Teil des Wissenschaftssystems wahrgenommen werden will, muss in Forschung, wissenschaftliches Personal und akademische Selbstverwaltung investieren – auch wenn sich das nicht unmittelbar in der Rendite niederschlägt.

Einordnung: Ein Sektor am Scheideweg

Die Stellungnahme fällt in eine Phase, in der der private Hochschulsektor ohnehin unter Beobachtung steht. Das schnelle Wachstum einzelner Anbieter, aggressive Werbung und Diskussionen über Betreuungsqualität haben Fragen aufgeworfen, wie viel Markt das Hochschulwesen verträgt. Die Antwort des Wissenschaftsrats ist bemerkenswert unaufgeregt: nicht Abschottung, sondern Einbindung – verbunden mit der Erwartung, dass die Einrichtungen ihre wissenschaftliche Substanz stärken. Ob die Empfehlungen Wirkung entfalten, hängt am Ende an den Ländern, die die Rahmenbedingungen setzen, und an den Trägern, die entscheiden müssen, wie viel Wissenschaft ihr Geschäftsmodell tragen soll.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Mitteilungen, u. a. des Wissenschaftsrats via Informationsdienst Wissenschaft (idw).

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