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Kleben statt Schweißen: Wie Klebstoff zur stillen Schlüsseltechnik des Leichtbaus wird

Ein Klebstoffhersteller stellt einen hochtemperaturfesten Epoxidharz-Kleber für den Fahrzeug- und Anlagenbau vor. Hinter der Produktmeldung steckt ein größerer Wandel: In vielen Branchen ersetzt die Klebefuge zunehmend Schweißpunkt und Niet – leise, aber folgenreich.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Wenn ein süddeutscher Hersteller einen neuen Zwei-Komponenten-Epoxidharzklebstoff ankündigt, der hohen Temperaturen und aggressiven Medien standhalten soll, klingt das nach einer Nachricht für Fachleute. Tatsächlich steht hinter solchen Meldungen ein Umbau, der ganze Industrien betrifft: Das Kleben ist vom unauffälligen Hilfsmittel zu einer tragenden Fügetechnik geworden – und verdrängt in immer mehr Anwendungen das, was Generationen von Ingenieuren als Standard galten: Schweißen, Nieten, Schrauben.

Vom Hilfsmittel zur Fügetechnik

Klebstoff hielt lange als Dichtung, Isolierung oder für nebensächliche Verbindungen her. Im modernen Leichtbau übernimmt er tragende Aufgaben. Der Grund liegt in den Werkstoffen: Wer Aluminium, Karbon und Stahl im selben Bauteil kombinieren will, stößt beim Schweißen schnell an Grenzen, weil sich unterschiedliche Metalle nur bedingt miteinander verbinden lassen und Hitze das Gefüge verändert. Eine Klebefuge dagegen verteilt Kräfte über die gesamte Fläche, statt sie – wie ein Schweißpunkt oder eine Niete – an einzelnen Stellen zu bündeln. Das macht Konstruktionen leichter und oft auch dauerhafter, weil punktuelle Belastungsspitzen entfallen.

Wie weit die Technik bereits verbreitet ist, zeigen Zahlen aus der Branche: Nach Angaben des Industrieverbands Klebstoffe stecken in einem durchschnittlichen Neuwagen inzwischen rund 15 bis 18 Kilogramm Klebstoff, verteilt auf etwa hundert Meter Klebnaht pro Karosserie. Klebe- und Dichtstoffe sollen ein Fahrzeug demnach um bis zu 15 Prozent leichter machen – ein Wert, der aus Herstellerkreisen stammt und je nach Modell und Bauweise schwankt.

Warum die E-Mobilität den Trend beschleunigt

Besonderen Schub bekommt das Kleben durch die Elektromobilität. Eine Antriebsbatterie wiegt je nach Größe mehrere Hundert Kilogramm und muss trotzdem sicher, dicht und schwingungsfest mit der Karosserie verbunden werden. Schweißen scheidet in der Nähe empfindlicher Zellen weitgehend aus, mechanische Verbindungen erzeugen Löcher und Schwachstellen. Klebstoffe können hier gleich mehrere Funktionen übernehmen: verbinden, abdichten und – mit speziellen Rezepturen – sogar Wärme ableiten. Damit ist das Kleben in der E-Mobilität weniger eine Option als eine Voraussetzung, wie Fachverbände seit Jahren betonen.

Auch außerhalb des Automobilbaus greift der Trend. In der Luftfahrt, im Schienenfahrzeugbau, in der Elektronik und im Anlagenbau werden Bauteile zunehmend verklebt, weil sich so Materialien schonend fügen lassen, die Hitze oder Bohrungen nicht vertragen. Der neue hochtemperaturfeste Klebstoff aus der eingangs erwähnten Meldung zielt genau auf solche Nischen: Verbindungen, die chemisch und thermisch stark beansprucht werden.

Wo Kleben an Grenzen stößt

So überzeugend die Vorteile klingen – eine Wunderlösung ist die Klebefuge nicht. Ihre Festigkeit hängt entscheidend von sauber vorbehandelten Oberflächen ab; Fett, Staub oder die falsche Grundierung können eine Verbindung ruinieren. Anders als eine sichtbare Schweißnaht lässt sich eine Klebung zudem schwer zerstörungsfrei prüfen, was in sicherheitskritischen Bereichen aufwendige Qualitätskontrollen nötig macht. Und viele Klebstoffe brauchen definierte Zeit und Temperatur zum Aushärten, was Produktionsprozesse taktet.

Der Wandel verläuft deshalb weniger als Ablösung denn als Arbeitsteilung: Geklebt, geschweißt und genietet wird zunehmend im Verbund, je nachdem, welche Belastung ein Bauteil aushalten muss. Dass ausgerechnet der unscheinbare Klebstoff dabei zur Schlüsseltechnik des Leichtbaus geworden ist, bemerkt der Endkunde selten – er sitzt nur in einem Auto, das leiser, leichter und sparsamer geworden ist, ohne dass eine einzige Naht davon erzählt.


Redaktionelle Einordnung eines Branchentrends. Einzelne technische Kennzahlen beruhen auf Angaben von Herstellern und Branchenverbänden und können je nach Anwendung abweichen.