News

Kampf um den Bordstein: Wie Städte den Lieferverkehr digital steuern wollen

Lieferwagen in zweiter Reihe, Paketboten auf Parkplatzsuche: Mehrere deutsche Städte wollen die knappen Halteflächen für den Lieferverkehr digital steuern – mit Sensoren, Apps und Reservierungssystemen. Was München und Hamburg testen, und wo die Grenzen liegen.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Der Lieferwagen in der zweiten Reihe, der Handwerker mit Warnblinker auf dem Radweg, der Paketbote, der zehn Minuten um den Block kreist, weil die Ladezone belegt ist: In vielen Innenstädten gehört der Streit um die knappen Halteflächen längst zum Alltag. Mit dem Boom des Onlinehandels und zugleich wachsendem Parkdruck ist der Bordstein zu einer umkämpften Ressource geworden. Mehrere deutsche Städte versuchen deshalb, die Verteilung dieser Flächen nicht länger dem Zufall zu überlassen, sondern digital zu organisieren.

München als Modellstadt

Ein aktuelles Beispiel liefert München. Im Rahmen des von der Europäischen Union kofinanzierten Projekts metaCCAZE hat die Landeshauptstadt nach Projektangaben rund um die Altstadt und die Fraunhoferstraße mehrere Liefer- und Ladezonen mit Sensoren ausgestattet. Diese erfassen, ob eine Zone frei oder belegt ist, und spielen die Information in Echtzeit an eine Mobilitäts-App aus. Handwerksbetriebe, Pflegedienste und Lieferunternehmen sollen so schneller eine geeignete Haltemöglichkeit finden, statt suchend durch die Straßen zu fahren.

München ist dabei nicht allein: Neben der bayerischen Landeshauptstadt zählen laut Projektbeschreibung auch Amsterdam, das zyprische Limassol und das finnische Tampere zu den Vorreiterstädten des Vorhabens. An der Umsetzung in München sind neben der Stadt mehrere Partner beteiligt, darunter ein Sensorik-Anbieter, ein App-Betreiber, ein Logistikkonzern für den praktischen Test sowie die Technische Universität München, die das Pilotprojekt wissenschaftlich begleiten soll.

Ein bundesweites Muster

Der Münchner Versuch ist Teil eines größeren Trends. In Hamburg etwa erprobten Kurier-, Express- und Paketdienste im Projekt „SmaLa" ein cloudbasiertes System, mit dem sich Lieferzonen im Voraus reservieren lassen. Statt darauf zu hoffen, dass die Fläche vor Ort frei ist, buchen die Fahrer ein Zeitfenster – ähnlich wie einen Konferenzraum. Die Grundidee ist überall dieselbe: Der Wirtschaftsverkehr soll planbarer werden, Parksuchverkehr und Falschparken sollen zurückgehen, und damit auch Staus und Emissionen in den Quartieren.

Interessant ist ein bürokratisches Detail am Rande: Die Straßenverkehrsordnung kennt bislang kein eigenes Piktogramm für reine Lieferverkehrsflächen. In der Praxis behelfen sich Kommunen deshalb mit unterschiedlichen Markierungen und Beschilderungen – ein Hinweis darauf, dass die Regeln der urbanen Logistik der tatsächlichen Entwicklung an vielen Stellen noch hinterherhinken.

Offene Fragen bleiben

So plausibel das Konzept klingt, offen ist, ob es im großen Maßstab trägt. Sensoren und Apps kosten Geld in Anschaffung und Betrieb, und ihr Nutzen steht und fällt damit, wie viele Lieferdienste tatsächlich mitmachen. Reserviert nur ein Teil der Fahrer die Flächen, während andere weiter spontan halten, verpufft der Effekt schnell. Auch die Frage der Kontrolle ist heikel: Wer eine belegte Zone anfährt, obwohl die App sie als frei anzeigt, muss trotzdem irgendwo bleiben. Ohne konsequente Überwachung droht das digitale System zur unverbindlichen Empfehlung zu werden.

Hinzu kommt der Datenaspekt. Belegungssensoren erfassen Bewegungsdaten im öffentlichen Raum; wie diese gespeichert und ausgewertet werden, dürfte mit wachsender Verbreitung stärker in den Blick geraten. Für die beteiligten Städte sind die Pilotprojekte deshalb weniger fertige Lösung als Testfeld – ein Versuch herauszufinden, ob sich der Streit um den Bordstein mit Technik entschärfen lässt oder ob er nur an anderer Stelle wieder auftaucht. Die Auswertungen der laufenden Projekte werden zeigen, ob aus den Modellversuchen ein tragfähiges Modell wird.


Dieser Beitrag ordnet einen aktuellen Branchentrend redaktionell ein und bildet keine abschließende Bewertung einzelner Projekte oder Anbieter ab. Angaben zu einzelnen Pilotvorhaben beruhen auf Projekt- und Stadtangaben.

Mehr zum Thema

  • Anmelden per Klick: Warum die Kfz-Zulassung immer öfter ohne Behördengang gelingt
  • Lastenrad statt Gabelstapler: Warum ein Designwettbewerb die Logistik für Afrika neu denkt
  • Der Reifenkauf wird zur Datenfrage: Wie Bewertungen die Markentreue verdrängen
  • Wenn Studierende die Lieferkette neu denken: Warum die Logistik auf Designwettbewerbe setzt
  • Wenn das Tool den Kalender füllt: Warum kleine Betriebe bei der Terminbuchung umdenken
  • Die Ladezone wird digital: Warum Städte den Kampf um den Bordstein neu ordnen