Handgeschrieben gewinnt: Was Schülerwettbewerbe über MINT-Nachwuchs verraten
Deutschland hat im OECD-Vergleich den höchsten Anteil an MINT-Bachelorabschlüssen – und trotzdem klagt die Energiebranche über Nachwuchsmangel. Schülerwettbewerbe sollen die Lücke schließen. Ihre Wirkung liegt vermutlich woanders, als die Ausschreibungen vermuten lassen.
Bei einem Schülerwettbewerb zur Energieversorgung der Zukunft ging der erste Platz kürzlich an ein Gymnasium aus Lohr am Main. Ausgezeichnet wurde ein Magazin, das die Jury vor allem deshalb überzeugte, weil es vollständig handschriftlich ausgearbeitet war. In einem Format, das explizit auf Zukunftstechnologie zielt, gewinnt also der Beitrag mit der ältesten verfügbaren Produktionstechnik. Das ist eine hübsche Pointe – und ein Hinweis darauf, was solche Wettbewerbe eigentlich messen.
Ein Nachwuchsproblem, das keine Abschlussstatistik zeigt
Der übliche Anlass für MINT-Wettbewerbe ist der Fachkräftemangel: Energiewirtschaft, Netzbetrieb und Anlagenbau suchen Personal, also müsse man früher ansetzen und Jugendliche für Technik begeistern. Die Diagnose ist plausibel, die Datenlage dazu allerdings sperriger als die Begründung.
Denn gemessen an Studienabschlüssen steht Deutschland gut da. Rund 35 Prozent aller Bachelorabschlüsse entfallen hierzulande auf ein MINT-Fach – der höchste Anteil im OECD-Vergleich, dessen Durchschnitt bei etwa 23 Prozent liegt. Ein Land, das im internationalen Vergleich die meisten Technikabsolventen produziert und gleichzeitig über Technikermangel klagt, hat kein reines Begeisterungsproblem. Es hat ein Verteilungsproblem: zwischen Studium und Ausbildung, zwischen Metropolregion und Landkreis, zwischen den Fächern innerhalb des MINT-Bereichs und zwischen Branchen, die um dieselben Absolventen konkurrieren. Ein Wettbewerb an weiterführenden Schulen adressiert davon bestenfalls einen Ausschnitt.
Was Wettbewerbe tatsächlich leisten
Damit ist nicht gesagt, dass sie folgenlos wären – nur wirken sie anders als beworben. Die Wettbewerbslandschaft in Deutschland ist dicht: von der Informatik-Olympiade über den Informatik-Biber, der von der dritten bis zur dreizehnten Klasse offensteht, bis zu regionalen Formaten von Kammern, Stadtwerken und Hochschulen. Die Organisatoren formulieren ihr Ziel meist zweigeteilt – Talente fördern und langfristig Fachkräfte sichern.
Der erste Teil funktioniert erkennbar. Wer sich ohnehin für ein Fach interessiert, findet in solchen Formaten eine Möglichkeit, tiefer einzusteigen, als der Lehrplan es erlaubt, und trifft auf Gleichgesinnte außerhalb der eigenen Schule. Für Jugendliche in Regionen ohne technisches Umfeld kann das der erste Kontakt zu einer Fachcommunity sein.
Der zweite Teil ist schwerer zu belegen. Belastbare Wirkungsstudien, die zeigen, dass Wettbewerbsteilnahme Berufswahlentscheidungen kausal verschiebt, sind rar – ein bekanntes methodisches Problem, weil sich Teilnehmende gerade nicht zufällig verteilen. Wer freiwillig ein Energiemagazin schreibt, wäre mit einiger Wahrscheinlichkeit auch ohne Wettbewerb in Richtung MINT abgebogen. Der Selektionseffekt lässt sich von der Wirkung kaum trennen.
Die Jury bewertet Aufwand, nicht Technikaffinität
Zurück zum handgeschriebenen Magazin. Dass es gewann, verrät etwas über die impliziten Kriterien solcher Formate. Bewertet wird in der Praxis häufig die sichtbare Investition – Sorgfalt, Ausdauer, Eigenständigkeit der Ausarbeitung. Das sind ehrenwerte Kriterien, aber es sind Kriterien für Arbeitshaltung, nicht für technisches Verständnis. In Zeiten, in denen ein Textgenerator jede Schülergruppe binnen Minuten mit einem professionell wirkenden Fachtext ausstattet, dürfte diese Verschiebung zunehmen: Handschrift wird zum Nachweis dafür, dass tatsächlich jemand gearbeitet hat.
Wettbewerbe reagieren darauf bereits, indem sie Präsentationen, Prototypen oder Live-Verteidigungen stärker gewichten. Für Schulen bedeutet das mehr Betreuungsaufwand – und damit eine Selektion nach Ressourcen der Schule, nicht nur nach Interesse der Schülerinnen und Schüler. Wer die Wettbewerbslandschaft als Instrument der Nachwuchsgewinnung ernst nimmt, müsste deshalb weniger über neue Formate diskutieren als über die Frage, welche Schulen überhaupt in der Lage sind, eine Teilnahme zu organisieren.
Redaktionelle Einordnung eines Branchen- und Bildungstrends. Genannte Vergleichszahlen beziehen sich auf öffentlich verfügbare OECD-Bildungsdaten.