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Frühlingsgefühle bei Fledermäusen: Wie eine Greifswalder Studie ein Lehrbuchwissen ins Wanken bringt

Fledermäuse paaren sich im Herbst – so das Lehrbuchwissen. Eine Studie der Universität Greifswald liefert nun Hinweise, dass beim Großen Abendsegler auch nach dem Winterschlaf gepaart wird. Und das ist für den Artenschutz relevant.

Von Anton · · 3 Min. Lesezeit

Dass Fledermäuse sich im Herbst paaren, gehört zu den festen Größen der Biologie. Bevor die Tiere in den Winterschlaf gehen, so die gängige Lehrmeinung, findet die Fortpflanzung statt; das Weibchen speichert den Samen über den Winter und lässt die Befruchtung erst im Frühjahr geschehen. Eine neue, international besetzte Studie unter Federführung der Universität Greifswald stellt dieses saubere Bild nun infrage – und liefert Hinweise darauf, dass die Paarung auch nach dem Winterschlaf stattfinden kann.

Ein Verdacht mit Folgen

Im Zentrum der Untersuchung steht der Große Abendsegler (Nyctalus noctula), eine der größeren heimischen Fledermausarten. Die Ergebnisse wurden laut Universität im Fachjournal Mammalian Biology veröffentlicht. Untersucht wurden mehrere hundert Tiere an vier Standorten in Nordostdeutschland: bei Havelberg in Sachsen-Anhalt, bei Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern sowie an zwei weiteren Standorten in Brandenburg. Die Erhebungen fanden in alten, strukturreichen Wäldern mit Baumhöhlen und Fledermauskästen statt – Lebensräumen, die für die Tiere zunehmend selten werden.

Was die Forschenden gefunden haben

Die Hinweise, die das Team zusammentrug, ergeben in der Summe ein bemerkenswertes Bild. Nach Angaben der Universität wiesen viele männliche Tiere im Frühjahr noch Spermien in ihren Nebenhoden auf. Zugleich zeigten beide Geschlechter vergrößerte Wangendrüsen, die bei der Kommunikation während der Paarungszeit eine Rolle spielen. Auch bei den Weibchen fanden sich Anzeichen für Fortpflanzungsaktivität: In vaginalen Proben wurden Spermien nachgewiesen, obwohl sich viele Tiere im März noch nicht in der Phase des Eisprungs befanden.

Für sich genommen wäre jeder dieser Befunde erklärbar. In der Kombination aber deuten sie darauf hin, dass zumindest ein Teil der Paarungsaktivität nicht im Herbst, sondern erst nach dem Winterschlaf im Frühjahr stattfindet. Damit rückt eine Annahme ins Wanken, die lange als gesichert galt.

Warum das mehr ist als eine akademische Fußnote

Der Zeitpunkt der Paarung ist für den Schutz einer Art keineswegs nebensächlich. Wer weiß, wann und wo sich Tiere fortpflanzen, kann Störungen an ihren Quartieren gezielter vermeiden und Schutzmaßnahmen zeitlich passend ansetzen. Sollte sich bestätigen, dass der Große Abendsegler auch im Frühjahr paarungsaktiv ist, hätte das Konsequenzen dafür, welche Zeiträume rund um Winterquartiere und Wochenstuben als besonders sensibel gelten. Gerade bei einer Art, deren Lebensräume durch den Verlust alter Wälder und geeigneter Baumhöhlen ohnehin unter Druck stehen, ist solches Wissen mehr als nur ein Detail.

Ein Hinweis, keine endgültige Antwort

Die Autorinnen und Autoren formulieren ihre Befunde ausdrücklich als Hinweise, nicht als abschließenden Beweis. Die nachgewiesenen Spermien, die Drüsenveränderungen und die zeitliche Diskrepanz zum Eisprung sind Indizien, die zusammengenommen ein plausibles Bild ergeben – die letztgültige Bestätigung, dass es tatsächlich zur erfolgreichen Frühjahrspaarung und Befruchtung kommt, steht noch aus. Genau darin liegt der Reiz solcher Arbeiten: Sie zeigen, dass selbst bei einer heimischen und gut untersuchten Tiergruppe grundlegende Fragen offenbleiben.

Dass ausgerechnet ein scheinbar gut verstandenes Kapitel der Fledermausbiologie neu aufgeschlagen wird, ist ein Beispiel dafür, wie beweglich naturwissenschaftliches Wissen bleibt. Was jahrzehntelang als Lehrbuchwissen galt, wird durch sorgfältige Feldarbeit hinterfragt – und liefert zugleich Anhaltspunkte, die dem praktischen Artenschutz zugutekommen könnten.


Dieser Beitrag ordnet eine wissenschaftliche Veröffentlichung redaktionell ein. Für Details verweisen wir auf die Originalstudie in Mammalian Biology.

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