Ein Viertel der Bühne: Warum Konferenzprogramme männlich bleiben, obwohl niemand das will
Agenturen werben inzwischen offensiv mit Rednerinnen, Veranstalter bekennen sich zu ausgewogenen Programmen. Die Zahlen bewegen sich trotzdem kaum – was weniger an fehlendem Willen liegt als an der Art, wie Programme überhaupt zustande kommen.
Im Vermittlungsgeschäft für Vortragsredner ist Vielfalt zum Verkaufsargument geworden. Agenturen legen eigene Listen mit Rednerinnen auf, Veranstalter formulieren Selbstverpflichtungen, einzelne Fachcommunities lehnen rein männlich besetzte Podien inzwischen ausdrücklich ab. Die Absicht ist erklärt und unumstritten. Bemerkenswert ist, wie wenig sich in den Zahlen bewegt.
Die Größenordnung
Eine viel zitierte Auswertung des Veranstaltungssoftware-Anbieters Bizzabo über mehrere tausend Konferenzen fand für 2016 einen Anteil von rund 30 Prozent Rednerinnen, für 2017 etwa 33 Prozent – und im Folgejahr wieder 32 Prozent. Die deutschsprachige Initiative speakerinnen.org kam bei einer Auszählung von rund 25.000 Vortragenden auf gut ein Viertel Frauen. Die Zahlen stammen aus unterschiedlichen Erhebungsjahren und Methoden und sind nicht direkt vergleichbar; die Größenordnung ist über die Jahre und über die Quellen hinweg jedoch bemerkenswert stabil.
Sie streut allerdings stark nach Fachgebiet. Veranstaltungen zu Finanzen, Banken, Automobil, Bau, Sicherheit oder Versicherung erreichen regelmäßig Männeranteile nahe hundert Prozent, während Programme in Bildung, Kommunikation oder Gesundheit deutlich ausgeglichener besetzt sind. Das legt nahe, dass der Bühnenanteil zu einem erheblichen Teil abbildet, wie eine Branche in ihren Führungs- und Expertenpositionen zusammengesetzt ist – nicht mehr und nicht weniger.
Nicht nur, wer spricht, sondern wie lange
Eine Untersuchung an der Universität Passau hat sich das Geschehen auf wissenschaftlichen Tagungen genauer angesehen und dabei nicht nur gezählt, wer im Programm steht, sondern auch, wer sich in Diskussionen zu Wort meldet. Ergebnis: Männer sprechen häufiger und länger. Der Befund verschiebt die Debatte an eine unbequemere Stelle. Ein ausgewogenes Programm regelt die formale Redezeit – die informelle, in der Fragerunde und im Panel entstehende Sprechzeit regelt es nicht mit.
Warum Programme so werden, wie sie werden
Die naheliegende Erklärung – Veranstalter wollten es nicht anders – trägt kaum. Plausibler ist ein Zusammenspiel unspektakulärer Mechanismen. Programme entstehen unter Zeitdruck und aus bestehenden Netzwerken; wer im Vorjahr gut war, wird wieder angefragt, was Besetzungen fortschreibt. Sichtbarkeit ist zudem selbstverstärkend: Wer bereits häufig auf Bühnen stand, taucht in Recherchen zuerst auf. Und Honorare wie Anfragen orientieren sich an dieser Vorgeschichte, was den Einstieg für alle erschwert, die noch keine haben.
Dazu kommt ein Zuschnittseffekt. Wird ein Slot eng auf eine Position definiert, in der Frauen in der jeweiligen Branche selten vertreten sind, ist das Ergebnis vorgezeichnet – unabhängig von der Absicht der Programmverantwortlichen.
Der Streit über das Mittel
Über die Diagnose herrscht weitgehend Einigkeit, über die Konsequenz nicht. Befürworter fester Quoten für Bühnen argumentieren, dass sich freiwillige Zielmarken empirisch als wirkungsarm erwiesen hätten und ein Mindestanteil den Rechercheaufwand erzwinge, der ohnehin nötig sei. Kritikerinnen und Kritiker – darunter auch Rednerinnen selbst – halten dagegen, eine Quote setze Vortragende dem Verdacht aus, wegen des Geschlechts und nicht wegen der Expertise eingeladen zu sein, und lasse die Ursache im Fachgebiet unberührt. Ein dritter Ansatz setzt weniger am Ergebnis als am Verfahren an: offene Ausschreibungen statt geschlossener Einladungslisten, breitere Recherche, Absage an Panels ohne jede Ausgewogenheit.
Welcher Weg wirkt, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht beantworten – dafür wären Zeitreihen nötig, die Veranstaltungen mit und ohne solche Regeln über Jahre vergleichen. Die vorhandenen Zahlen sagen bislang nur das eine: Erklärte Absicht allein hat den Anteil in einem Jahrzehnt nicht nennenswert verschoben.
Redaktionelle Einordnung. Die genannten Erhebungen beruhen auf unterschiedlichen Stichproben und Zählweisen und sind nur eingeschränkt vergleichbar.