Die Konferenz, die ihren Ablaufplan erst vor Ort schreibt: Was das Barcamp im Berufsalltag leistet
Ein Hotellerie-Verband setzt bei seinen Fachtreffen bewusst auf das offene Barcamp-Format statt auf vorgefertigte Vortragsprogramme. Hinter der Formatwahl steckt eine größere Frage: Wie organisiert man Wissensaustausch, wenn niemand vorab weiß, was die Teilnehmenden wirklich beschäftigt?
Wenn ein Berufsverband zu einer Fachveranstaltung einlädt, erwarten die meisten Teilnehmenden einen fertigen Ablaufplan: Referentinnen, Vortragstitel, Zeitfenster. Ein Branchenverband der Hotellerie geht bei mehreren seiner Treffen einen anderen Weg und setzt auf sogenannte Barcamps – Veranstaltungen, deren Programm erst zu Beginn des Tages von den Anwesenden selbst festgelegt wird. Laut Verbandsangaben soll das den fachlichen Austausch vertiefen und praxisnäher machen. Die Formatwahl ist ein guter Anlass, ein Konzept einzuordnen, das in vielen Branchen an Boden gewinnt, aber außerhalb der Tech- und Digitalszene noch immer erklärungsbedürftig ist.
Vom Foo Camp zur offenen Tagungsform
Das Barcamp entstand in der Softwareszene der 2000er-Jahre. Ausgangspunkt war das „Foo Camp“, das der Verleger und Software-Unternehmer Tim O’Reilly ab 2003 als geschlossenes Einladungstreffen für befreundete Fachleute veranstaltete – „Foo“ stand für „Friends of O’Reilly“. Aus dem Wunsch, ein solches Format auch ohne persönliche Einladung zugänglich zu machen, entwickelte sich kurz darauf das offene Gegenstück: das Barcamp. Der Name spielt augenzwinkernd auf einen Programmierer-Fachbegriff an und markiert zugleich die Abgrenzung vom exklusiven Vorbild.
Im Kern ist ein Barcamp eine „Unkonferenz“: eine Tagung, die so weit wie möglich durch die Selbstorganisation der Teilnehmenden gestaltet wird. Es gibt keine im Voraus festgelegten Hauptrednerinnen und kein starres Vortragsprogramm. Stattdessen schlagen die Anwesenden zu Beginn selbst Themen vor, über die sie sprechen, diskutieren oder etwas lernen möchten. Aus diesen Vorschlägen entsteht der Ablauf des Tages.
Wie ein Barcamp abläuft
Am Anfang steht die Sessionplanung. Wer ein Thema einbringen will, stellt es kurz vor; die Vorschläge werden gesammelt und in einem sogenannten Sessionplan zusammengeführt – einem Raster aus Zeitfenstern und parallelen Räumen. Üblich ist ein Rhythmus von rund 45 Minuten je Session plus einer Viertelstunde Pause. Eine Session ist dabei selten ein Frontalvortrag, sondern eher eine moderierte Runde, in der Fragen, Erfahrungen und offene Probleme geteilt werden.
Ein tragendes Prinzip ist das „Gesetz der zwei Füße“, das ursprünglich aus der verwandten Methode Open Space stammt. Es besagt: Wer in einer Session weder etwas lernt noch etwas beiträgt, darf jederzeit aufstehen und den Raum wechseln. Was auf klassischen Konferenzen als unhöflich gilt, ist hier ausdrücklich erwünscht – die Idee dahinter ist, dass Aufmerksamkeit dorthin fließt, wo sie den größten Nutzen bringt.
Warum das Format im Berufsleben ankommt
Der Reiz des Barcamps liegt darin, dass es nicht die Themen bespielt, die ein Programmkomitee Monate vorher für relevant hielt, sondern die, die den Anwesenden am Veranstaltungstag tatsächlich unter den Nägeln brennen. Gerade in Branchen mit schnellem Wandel – Digitalisierung, Marketing, Personalgewinnung – kann das ein Vorteil sein. Der informelle Rahmen senkt zudem die Hürde, auch halbfertige Ideen oder ungelöste Fragen anzusprechen.
Grenzen hat das Format ebenso. Ein Barcamp lebt von der aktiven Beteiligung; wer nur konsumieren möchte, wird enttäuscht. Die Ergebnisse sind weniger planbar als bei einer kuratierten Konferenz, und ohne umsichtige Moderation können dominante Stimmen den Ton bestimmen. Auch die Nachbereitung – das Festhalten dessen, was in den Sessions besprochen wurde – erfordert Disziplin, sonst verpufft ein Teil des Ertrags.
Dass ausgerechnet ein Verband der eher traditionell geprägten Hotellerie auf Barcamps setzt, zeigt, wie weit das einst nischige Format inzwischen gewandert ist. Es ersetzt die klassische Fachtagung nicht, ergänzt sie aber um etwas, das sich schwer verordnen lässt: einen Austausch, der sich nach den Fragen der Teilnehmenden richtet statt nach der Tagesordnung der Veranstalter.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchentrends und keine Empfehlung für einen einzelnen Anbieter oder Veranstalter.