Ein Viertel bleibt im Kinderzimmer: Was die Wohnadresse über das Studium verrät
Fast 28 Prozent der Studierenden in Deutschland wohnen weiterhin bei ihren Eltern – das Elternhaus bleibt damit die häufigste Wohnform überhaupt. Eine neue Auswertung mit mehr als 87.000 Befragten zeigt, wie stark der Wohnungsmarkt inzwischen mitbestimmt, wo und wie studiert wird.
Das Bild vom Studium als Auszug ins eigene Leben hält sich hartnäckig: erste Wohnung, WG-Küche, Nachtbus. Die Statistik erzählt eine nüchternere Geschichte. Nach einer aktuellen Auswertung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) wohnen 27,9 Prozent der Studierenden in Deutschland weiterhin im Elternhaus. Damit ist das Kinderzimmer die verbreitetste Wohnform im Studium – knapp vor der privaten Mietwohnung.
Die Zahlen im Überblick
Grundlage der Auswertung sind Befragungen im Rahmen des CHE-Hochschulrankings. Mehr als 87.000 Studierende in grundständigen Studiengängen – also Bachelor und Staatsexamen – machten Angaben zu ihrer Wohnsituation und zu ihrem Weg an die Hochschule. Nach diesen Daten leben 27,9 Prozent bei den Eltern, 27,8 Prozent in einer privaten Mietwohnung und 24,8 Prozent in einer Wohngemeinschaft. Das klassische Studentenwohnheim spielt mit 15,2 Prozent die kleinste Rolle unter den großen Wohnformen.
Bemerkenswert ist weniger die Bewegung als ihre Abwesenheit: Gegenüber der vorherigen Auswertung aus dem Jahr 2023 ist der Anteil der zu Hause Wohnenden nur um 0,5 Prozentpunkte gesunken. Das Muster ist also stabil. Auffällig ist auch ein Geschlechterunterschied – Männer bleiben der Erhebung zufolge häufiger im Elternhaus als Frauen.
Der Mietmarkt als heimlicher Studienberater
Dass ein Viertel bis knapp ein Drittel der Studierenden nicht auszieht, lässt sich als Bequemlichkeit deuten. Näher liegt eine ökonomische Erklärung. In den klassischen Hochschulstädten sind die Mieten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, während die Zahl der öffentlich geförderten Wohnheimplätze mit dem Zuwachs an Studierenden nicht Schritt gehalten hat. Wer in Pendelentfernung zu einer Hochschule aufgewachsen ist, spart mit dem Verbleib zu Hause einen Betrag, der in vielen Städten den größten Einzelposten im Monatsbudget ausmacht.
Damit wird der Wohnungsmarkt zu einem stillen Faktor der Studienwahl. Nicht jede Entscheidung für eine wohnortnahe Hochschule ist eine inhaltliche. Fachlich passende Studiengänge an weiter entfernten Standorten fallen aus dem Suchraster, wenn der Umzug nicht finanzierbar scheint. Für Hochschulen in Ballungsräumen und deren Umland bedeutet das einen strukturellen Vorteil bei der Rekrutierung – für spezialisierte Standorte in der Fläche das Gegenteil.
Eine Frage der Bildungsgerechtigkeit
Bildungsforscherinnen und -forscher weisen seit Jahren darauf hin, dass Mobilität im Studium sozial ungleich verteilt ist. Wer zu Hause wohnen bleibt, spart Geld, zahlt aber mit Fahrzeit und mit geringerer Nähe zum Campusleben – zu Lerngruppen, Hochschulgremien, studentischen Jobs im Fachumfeld. Diese informellen Netzwerke wirken sich erfahrungsgemäß auf Studienverlauf und Berufseinstieg aus. Die Wohnfrage ist damit nicht nur eine Frage der Miete, sondern eine der Teilhabe.
Umgekehrt wäre es verkürzt, das Wohnen im Elternhaus als reinen Mangel zu lesen. Für einen Teil der Studierenden ist es eine bewusste Entscheidung: geringere Verschuldung, weniger Erwerbsarbeit neben dem Studium, stabile Verhältnisse. Die Daten selbst sagen über die Motive nichts aus – sie zeigen Verteilungen, keine Beweggründe.
Was daraus folgt
Für die Hochschulpolitik liefert die Auswertung ein Argument in einer länger laufenden Debatte: Der Ausbau von Wohnheimplätzen gilt vielen Fachverbänden als das wirksamste Instrument, um Studienentscheidungen von der Wohnkostenfrage zu entkoppeln. Mit einem Anteil von gut 15 Prozent deckt das Wohnheim derzeit nur einen kleinen Teil des Bedarfs ab.
Für Studieninteressierte selbst hat die Erhebung vor allem einen entlastenden Wert. Wer erwägt, die ersten Semester von zu Hause aus zu absolvieren, befindet sich nicht in einer Ausnahmesituation, sondern in der größten Gruppe überhaupt. Der Auszug ist im deutschen Studium längst nicht mehr der Regelfall – er ist eine von vier ungefähr gleich großen Möglichkeiten.
Redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich verfügbarer Erhebungsdaten. Die genannten Anteile stammen aus der Auswertung des Centrums für Hochschulentwicklung; sie beruhen auf einer Befragung und nicht auf einer amtlichen Vollerhebung.