Die Bohrmaschine im Regal: Warum Bibliotheken an der Logistik ihrer Dinge scheitern
Rund 150 öffentliche Bibliotheken in Deutschland verleihen inzwischen nicht nur Bücher, sondern auch Werkzeug, Messgeräte und Spielekonsolen. Der Aufbau eines solchen Bestands ist der einfache Teil. Schwierig wird es an der Stelle, an der ein Buch und eine Nähmaschine sich grundlegend unterscheiden: bei der Rückgabe.
Bibliotheken verleihen seit einigen Jahren Gegenstände, die mit Literatur nichts zu tun haben: Akkuschrauber, Strommessgeräte, Nähmaschinen, Slacklines, Beamer, Musikinstrumente. Nach Angaben einschlägiger Fachportale betreiben inzwischen etwa 150 kommunale Einrichtungen in Deutschland eine solche „Bibliothek der Dinge“. Der Begriff stammt aus der angelsächsischen Library-of-Things-Bewegung, das Prinzip ist älter – Werkzeugverleih über Vereine und Nachbarschaftsinitiativen gibt es seit Jahrzehnten.
Neu ist, dass eine öffentliche Institution mit Katalog, Öffnungszeiten und Ausleihordnung diese Aufgabe übernimmt. Genau daraus entstehen Probleme, die im Bücherbetrieb nicht vorkommen.
Ein Buch hat keinen Akku
Der klassische Bibliotheksbestand ist erstaunlich pflegeleicht. Ein Buch kommt zurück, wird geprüft, ins Regal gestellt – fertig. Ein Werkzeugkoffer dagegen muss auf Vollständigkeit kontrolliert werden. Ein Akkugerät muss geladen, ein Messgerät gegebenenfalls kalibriert, eine Nähmaschine gereinigt werden. Fehlt ein Bohrer, ist die Ausleihe für den nächsten Nutzer wertlos, ohne dass es zunächst jemand bemerkt.
Diese Prüfarbeit fällt bei jeder Rückgabe an und lässt sich schlecht automatisieren. Sie bindet Personal – ausgerechnet in einem Bereich, in dem Kommunen seit Jahren eher kürzen als aufstocken. In der Praxis führt das dazu, dass Bestände klein bleiben und stark kuratiert sind: lieber zwanzig gut gewartete Gegenstände als zweihundert, von denen die Hälfte defekt im Regal steht.
Haftung, Verschleiß und die Frage nach der Gebühr
Der zweite Unterschied ist rechtlicher Natur. Bei einem beschädigten Buch geht es um einen zweistelligen Betrag. Bei einem Gerät, das im Gebrauch versagt, stellen sich Fragen nach Verkehrssicherungspflichten und nach der Haftung des Verleihers – insbesondere bei Elektrowerkzeug. Bibliotheken lösen das über Nutzungsbedingungen, Einweisungen und teilweise über Altersgrenzen. Ein einheitlicher Standard hat sich bislang nicht durchgesetzt; die Ausleihordnungen unterscheiden sich von Kommune zu Kommune erheblich.
Hinzu kommt der Verschleiß. Ein Buch übersteht fünfzig Ausleihen mühelos, ein günstiger Akkuschrauber unter Umständen nicht. Weil die Ausleihe in den meisten Häusern kostenfrei oder in der Jahresgebühr enthalten ist, gibt es keinen Erlös, aus dem sich Ersatzbeschaffungen speisen. Viele Bestände sind deshalb über Projektmittel, Stiftungen oder Nachhaltigkeitsprogramme finanziert – also über Töpfe mit Laufzeit. Was nach dem Ende der Förderperiode passiert, ist in etlichen Konzepten nicht beantwortet.
Die Öffnungszeit als Engstelle
Bemerkenswert ist, wo die technische Entwicklung derzeit ansetzt: nicht beim Katalog, sondern bei der Übergabe. Mehrere Anbieter vermarkten Schließfachanlagen, über die Nutzer entliehene Gegenstände außerhalb der Öffnungszeiten abholen und zurückgeben können; solche Systeme kommen nach Angaben der Anbieter inzwischen auch an Hochschulbibliotheken zum Einsatz. Der Ansatz löst ein reales Problem: Wer ein Werkzeug für ein Wochenendprojekt braucht, kann es selten dienstags um 14 Uhr abholen.
Die Schließfachlösung verlagert die Engstelle allerdings nur. Was im Fach zurückkommt, prüft weiterhin ein Mensch – nur zeitversetzt und ohne die Möglichkeit, bei der Rückgabe unmittelbar nachzufragen. Ob sich die Automatisierung rechnet, hängt daher weniger an der Technik als daran, wie hoch die Umschlagshäufigkeit eines Bestands überhaupt ist. Bei stark nachgefragten Gegenständen kann sie sich lohnen. Bei Beständen, die überwiegend Symbolwirkung haben, kaum.
Was der Bestand über die Bibliothek aussagt
Hinter dem Trend steht eine strategische Frage, die weit über Bohrmaschinen hinausgeht. Öffentliche Bibliotheken haben ihre Rolle in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehrfach neu definiert: vom Medienspeicher zum Aufenthaltsort, vom Aufenthaltsort zum Lernraum, zuletzt zum „Dritten Ort“ zwischen Wohnung und Arbeitsplatz. Der Verleih von Gegenständen ist die konsequente Fortsetzung dieser Bewegung – und zugleich der Punkt, an dem sie am teuersten wird.
Bislang deutet wenig darauf hin, dass die Bibliothek der Dinge den Konsum spürbar verändert; belastbare Untersuchungen zur Substitutionswirkung fehlen weitgehend. Was sie messbar leistet, ist etwas anderes: Sie bringt Menschen ins Haus, die sonst nicht kämen. Für eine Einrichtung, die ihre Existenzberechtigung regelmäßig gegenüber dem Kämmerer begründen muss, ist das kein kleines Argument – auch wenn es in keinem Nachhaltigkeitsbericht auftaucht.
Redaktionelle Einordnung eines Branchentrends. Angaben zu einzelnen Angeboten beruhen auf Unternehmens- und Einrichtungsangaben.