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Der Krisenstab im Klassenzimmer: Was Schulen vom Katastrophenschutz lernen sollen

Ein Kölner Forschungsprojekt überträgt erstmals simulationsbasiertes Lernen aus dem Bevölkerungsschutz auf den Schulunterricht. Interessanter als das Szenario – ein kommunaler Stromausfall – ist die Frage, die dahintersteht: Lässt sich Resilienz überhaupt unterrichten?

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Blackout, Cyberangriff, Extremwetter: Über die Verwundbarkeit moderner Infrastrukturen wird in Deutschland seit Jahren geredet. Was dabei selten vorkommt, ist die Frage, an welcher Stelle im Bildungssystem junge Menschen eigentlich lernen sollen, wie eine Gesellschaft im Ernstfall funktioniert. Ein Vorhaben des Instituts für Physikdidaktik der Universität zu Köln versucht darauf eine Antwort – und wählt dafür einen Umweg über ein Format, das aus dem Bevölkerungsschutz stammt.

Ein Stromausfall als Unterrichtsstoff

Das Projekt trägt den Namen „Neustart:Schule" und wurde nach Angaben der Universität gemeinsam mit dem Helmholtz-Gymnasium Essen sowie Partnern aus Energieversorgung, Bevölkerungsschutz, Verwaltung, Bundeswehr und Kirche entwickelt. Grundlage ist ein Szenario-Brettspiel, das den kommunalen Krisenstab einer Kleinstadt während eines längeren Stromausfalls nachbildet. Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 und 16 Jahren übernehmen darin Rollen, treffen Entscheidungen unter unvollständigen Informationen und bekommen die Folgen dieser Entscheidungen im Spielverlauf zurückgespiegelt.

Die erste Realsimulation fand Mitte Juli 2026 in Essen statt, ausgerichtet in einem Regionalzentrum des Netzbetreibers Westnetz. Am Folgetag besuchten die Jugendlichen weitere beteiligte Stellen – darunter das Technische Hilfswerk, die Feuerwehr und die kirchliche Notfallseelsorge.

Warum ausgerechnet Simulation

Der methodische Kern ist nicht neu, nur der Ort. Simulationsbasiertes Lernen ist in Rettungsdiensten, Katastrophenschutz und Medizin seit Langem etabliert: Wer eine Lage einmal durchgespielt hat, reagiert im Ernstfall messbar anders als jemand, der sie nur beschrieben bekommen hat. Übertragen auf die Schule verschiebt sich damit auch der Lerngegenstand. Es geht weniger um Faktenwissen über Stromnetze als um das Aushalten von Unsicherheit, um Priorisierung und um die Erfahrung, dass die eigene Entscheidung Konsequenzen hat.

Projektleiter André Bresges beschreibt das Ziel dahingehend, dass Jugendliche naturwissenschaftliche Zusammenhänge nicht nur theoretisch kennenlernen, sondern deren Bedeutung für das Funktionieren der Gesellschaft unmittelbar erfahren sollen. Ob dieser Anspruch eingelöst wird, ist ausdrücklich Teil der Untersuchung – eine wissenschaftliche Begleitforschung ist dem Projekt zugeordnet.

Der eigentliche Engpass ist der Aufwand

Bemerkenswert an dem Vorhaben ist, dass es seine wichtigste Schwäche selbst benennt. Realsimulationen dieser Art binden erheblich Personal und Organisation: externe Partner, ein authentischer Lernort, mehrere Tage außerhalb des Stundenplans. Genau daran sind ähnliche Formate in der Vergangenheit oft gescheitert – sie funktionierten als Leuchtturm, aber nicht als Regelangebot.

Die Forschenden verfolgen deshalb parallel die Frage der Übertragbarkeit: Welche Elemente lassen sich so verdichten, dass sie auch ohne aufwendige Kulisse im normalen Unterricht tragen? Ein Ansatz besteht darin, Lehrkräfte zu entlasten, indem ausgebildete externe Spielleiterinnen und Spielleiter die Simulation übernehmen – etwa Jugendoffiziere der Bundeswehr, THW-Freiwillige oder Ausbilder einer Kraftwerksschule. Pilotiert wird das Format zunächst an Schulen im Ruhrgebiet; zum Start der Projektkurse der reformierten Oberstufe im Schuljahr 2027/28 soll es in die Ausbildungsregion Köln übertragen werden.

Ein Nebeneffekt, der eigene Fragen aufwirft

Dass Angehörige von Bundeswehr, THW und Energiewirtschaft als Spielleitung im Klassenzimmer stehen, ist mehr als eine organisatorische Notlösung. Die Projektbeschreibung benennt offen, dass dabei auch Eindrücke über die jeweiligen Berufsbilder vermittelt werden. Genau dieser Punkt dürfte in der schulpolitischen Debatte am meisten Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Die Präsenz von Jugendoffizieren an Schulen ist in mehreren Bundesländern seit Jahren umstritten und in Kooperationsvereinbarungen unterschiedlich geregelt. Dass sie hier nicht als Vortragende, sondern als methodische Unterstützung auftreten, verändert die Konstellation – ob es die Kritik entkräftet, ist eine andere Frage.

Unabhängig davon berührt das Projekt eine Lücke, die real ist. Krisenvorsorge wird in Deutschland überwiegend an Behörden und Betriebe adressiert. Was Bürgerinnen und Bürger im Ernstfall tun können und wer welche Aufgabe übernimmt, ist im Lehrplan bislang kaum verankert. Ein Brettspiel wird daran allein nichts ändern. Es macht aber sichtbar, dass die Frage überhaupt gestellt wird.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines laufenden Forschungsprojekts. Ergebnisse der Begleitforschung liegen noch nicht vor.