Das Rätsel der verschwundenen Riesen: Warum mit der Megafauna nicht auch die Pflanzen ausstarben
Am Ende der Eiszeit verschwanden Mammut und Wollnashorn – die Pflanzen aber blieben. Diese Lücke im Massensterben gibt der Forschung bis heute Rätsel auf.
Am Ende der letzten Eiszeit, vor rund 12.000 Jahren, veränderte sich das Gesicht ganzer Kontinente. Die weiten Tundra-Steppen Eurasiens und Nordamerikas, in denen Mammuts, Wollnashörner, Riesenhirsche und Höhlenlöwen lebten, lösten sich auf. Mit ihnen verschwanden die größten Landtiere ihrer Zeit. Ein aktuelles Forschungsvorhaben am Alfred-Wegener-Institut in Potsdam, das laut Institutsangaben mit einem renommierten ERC Advanced Grant des Europäischen Forschungsrats gefördert wird, rückt dabei eine Beobachtung in den Mittelpunkt, die Fachleute seit Langem beschäftigt: Während die schwergewichtige Tierwelt fast vollständig erlosch, ist bei den Pflanzen kein vergleichbares Massensterben dokumentiert.
Ein Massensterben mit auffälliger Lücke
Das Verschwinden der eiszeitlichen Großtiere gilt als eine der jüngsten großen Aussterbewellen der Erdgeschichte. Fachleute sprechen von der quartären Aussterbewelle, die ihren Höhepunkt am Übergang vom Pleistozän zum Holozän erreichte. Auffällig ist nicht nur ihr Ausmaß, sondern ihre Selektivität: Betroffen waren vor allem große, pflanzenfressende Säugetiere, während kleinere Arten und – soweit die Datenlage es zeigt – die Vegetation weitgehend überdauerten. Genau diese Schieflage macht das Ereignis für die Wissenschaft so reizvoll. Ein einzelner, alles zerstörender Schlag würde kaum erklären, warum eine ganze Pflanzenwelt bestehen blieb, während die Tierwelt zusammenbrach.
Klima, Mensch oder beides?
Über die Ursachen wird seit mehr als einem Jahrhundert gestritten, und eine abschließende Antwort gibt es bis heute nicht. Zwei große Erklärungslinien stehen sich gegenüber. Die eine betont den Klimawandel am Ende der Eiszeit: Die kalte, trockene Tundra-Steppe mit ihren nährstoffreichen Gräsern wich feuchteren Landschaften, Wäldern und Mooren, in denen die spezialisierten Großpflanzenfresser weniger Nahrung fanden. Die andere Linie rückt den Menschen in den Vordergrund, der sich in derselben Phase über weite Teile der Nordhalbkugel ausbreitete und mit gezielter Jagd ohnehin geschwächte Bestände zusätzlich unter Druck gesetzt haben könnte. Viele Forschende gehen heute von einem Zusammenspiel aus – einem "perfekten Sturm" aus veränderten Lebensräumen und menschlichem Einfluss, dessen Gewichtung je nach Region unterschiedlich ausfiel.
Warum die Pflanzen den Unterschied machen
Dass die Vegetation überlebte, ist mehr als eine Fußnote. Pflanzenreste, Pollen und uralte DNA aus Seesedimenten und Permafrostböden bilden ein Archiv, das sich unabhängig von Knochenfunden lesen lässt. Wenn sich rekonstruieren lässt, wie sich Pflanzengemeinschaften am Ende der Eiszeit verschoben, ohne ganz zu verschwinden, liefert das einen Maßstab dafür, wie schnell und wie tiefgreifend sich das Klima tatsächlich änderte. Aus dem Vergleich zwischen einer relativ widerstandsfähigen Flora und einer abrupt kollabierenden Großtierwelt lässt sich genauer eingrenzen, welche Rolle Umweltveränderungen spielten – und wo andere Faktoren ins Spiel gekommen sein müssen.
Folgen, die bis heute nachwirken
Das Ende der Megafauna war kein folgenloses Naturschauspiel. Große Pflanzenfresser wirken als Landschaftsgestalter: Sie halten offene Flächen frei, verbreiten Samen und transportieren mit ihrem Dung Nährstoffe über weite Strecken. Studien legen nahe, dass mit den Großtieren einer der wichtigsten Nährstoffverteiler ausfiel und Böden langfristig ärmer wurden. Solche Erkenntnisse sind nicht nur von historischem Interesse. Sie fließen heute in Debatten über Renaturierung und sogenanntes Rewilding ein, bei dem große Pflanzenfresser gezielt wieder angesiedelt werden, um Ökosysteme zu stabilisieren. Das Rätsel der verschwundenen Riesen ist damit auch eine Frage an die Gegenwart: Wie viel Großtier braucht eine intakte Landschaft – und was geht verloren, wenn es fehlt?
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines aktuellen Forschungsthemas und beruht auf öffentlich zugänglichen wissenschaftlichen Quellen. Er gibt den Stand einer laufenden Debatte wieder und erhebt keinen Anspruch auf abschließende Klärung.
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