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Das Gedächtnis im Eis: Warum Asiens Hochgebirge zum Archiv der Industriegeschichte wird

Gletscher im Tibetischen Hochland speichern eine Chronik der Industrie – von Blei aus verbleitem Benzin bis Quecksilber. Mit dem Schmelzen droht beides: Datenverlust und Schadstofffreisetzung.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Der „Wasserturm Asiens" speichert mehr als nur Wasser

Das Tibetische Hochland gilt zusammen mit der Hindukusch-Karakorum-Himalaya-Region als „Wasserturm Asiens". Außerhalb der Polargebiete lagert nirgendwo so viel Schnee und Eis wie hier, und von diesen Reserven hängt die Wasserversorgung von mehr als einer Milliarde Menschen ab. Weniger bekannt ist, dass dieses Eis nicht nur Wasser konserviert, sondern auch eine Art Tagebuch der Atmosphäre führt. Jede Schneeschicht schließt winzige Mengen von Staub, Ruß und chemischen Stoffen ein, die der Wind aus aller Welt herangetragen hat. Wer diese Schichten von oben nach unten liest, blättert durch Jahrzehnte und Jahrhunderte der Umweltgeschichte.

Mehrere Forschungsteams nutzen genau das, um die Spuren menschlicher Industrie nachzuvollziehen. Bohrkerne aus Gletschern wirken dabei wie Zeitkapseln: In der Tiefe steckt die vorindustrielle, weitgehend unbelastete Vergangenheit, weiter oben verdichten sich die Hinterlassenschaften von Verkehr, Bergbau und Energieerzeugung.

Blei, Quecksilber und der Fingerabdruck des Menschen

Besonders eindrücklich lässt sich das am Blei zeigen. Untersuchungen an Hochgebirgseis – unter anderem durch den Geologen Franco Marcantonio und sein Team – konnten den Anstieg der Bleibelastung dem Menschen zuordnen. Als wesentliche Quelle gilt verbleites Benzin, das in China bis etwa 2007 verwendet wurde. Weil Blei aus unterschiedlichen Lagerstätten eine jeweils typische Isotopen-Zusammensetzung besitzt, lässt sich oft sogar bestimmen, woher die Verschmutzung stammt. Der Mensch hinterlässt im Eis also einen regelrechten chemischen Fingerabdruck.

Neben Blei spielt Quecksilber eine wichtige Rolle. Es gelangt vor allem über die Luft in die Gebirge, etwa aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe und aus industriellen Prozessen, und reichert sich in Schnee und Eis an. Diese Stoffe sind nicht harmlos: Sowohl Blei als auch Quecksilber zählen zu den Schwermetallen, die schon in geringen Mengen Nerven- und Organschäden verursachen können.

Wenn das Archiv zu schmelzen beginnt

Hier verbindet sich die Klimakrise mit einem zweiten, weniger beachteten Problem. Solange die Schadstoffe fest im Eis eingeschlossen bleiben, sind sie weitgehend unschädlich. Doch mit der Erderwärmung schmelzen Gletscher und Permafrostböden, und dabei werden über Jahrzehnte gespeicherte Stoffe wieder frei. Studien zu Hochgebirgsregionen zeigen, dass Schmelzwässer mancherorts Schwermetallkonzentrationen aufweisen, die über den Grenzwerten für Trinkwasser liegen. Auch längst verbotene Industriechemikalien tauchen so wieder in der Umwelt auf.

Für Regionen, die ihr Trink- und Bewässerungswasser direkt aus Gletscherflüssen beziehen, ist das mehr als eine akademische Frage. Die schmelzenden Massen geben kurzfristig sogar mehr Wasser ab – ein trügerischer Effekt, weil die Reserven dabei langfristig schwinden und gleichzeitig die Schadstofffracht steigen kann.

Warum die Eisbohrkerne so wertvoll sind

Gerade weil das natürliche Archiv bedroht ist, hat seine Erforschung an Dringlichkeit gewonnen. Eisbohrkerne erlauben Rückschlüsse darauf, wann und wie stark der Mensch die Atmosphäre verändert hat – und sie liefern Vergleichswerte für die Zeit vor der Industrialisierung. Diese Referenz ist wichtig, um heutige Belastungen einordnen zu können. Schmilzt das Eis, geht ein Teil dieses Gedächtnisses unwiederbringlich verloren.

Die Forschung an Asiens Hochgebirge macht damit zweierlei deutlich. Erstens reicht die Wirkung menschlichen Handelns bis in die entlegensten und höchsten Winkel der Erde – Orte, die viele für unberührt halten. Zweitens sind Klima- und Schadstoffproblematik enger verknüpft, als es auf den ersten Blick scheint: Das Schmelzen der Gletscher ist nicht nur eine Frage des Wassermangels, sondern auch eine Frage dessen, was beim Auftauen wieder ans Licht kommt.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung aktueller Forschungsergebnisse und Umwelttrends. Er ersetzt keine wissenschaftliche Beratung; einzelne Studienangaben können je nach Region und Methodik variieren.

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