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Countdown am Bosporus: Was die European Games 2027 für Istanbul bedeuten

Im Juni 2027 richtet Istanbul die vierten European Games aus – mit 26 Sportarten und direktem Draht zu den Olympischen Spielen 2028. Warum das Multisport-Event für die Stadt mehr ist als ein Sportfest.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Noch knapp ein Jahr, dann blickt der europäische Sport an den Bosporus: Vom 16. bis 27. Juni 2027 richtet Istanbul die vierten European Games aus. Die türkische Tourismusorganisation GoTürkiye hat den Countdown für das Großereignis nun auch offiziell eingeläutet – und nutzt die Gelegenheit, die Stadt als erprobte Gastgeberin internationaler Sport- und Kulturveranstaltungen zu präsentieren. Hinter dem Werbeauftritt steckt allerdings eine sportpolitisch durchaus interessante Geschichte.

Ein junges Format sucht seinen Platz

Die European Games sind das jüngste der kontinentalen Multisport-Events. Während Asien-, Panamerika- und Afrika-Spiele auf Jahrzehnte Tradition zurückblicken, fand die europäische Variante erstmals 2015 in Baku statt, gefolgt von Minsk 2019 und Krakau samt der Region Małopolska 2023. Ausgerichtet werden die Spiele von den Europäischen Olympischen Komitees (EOC), dem Zusammenschluss der nationalen olympischen Komitees des Kontinents.

Das Format hatte anfangs mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen: Viele Spitzenverbände wollten ihre Europameisterschaften nicht in ein Sammelereignis integrieren, Zuschauerinteresse und mediale Aufmerksamkeit blieben hinter den Erwartungen zurück. Inzwischen hat sich das Konzept konsolidiert – vor allem, weil die Spiele in etlichen Disziplinen als Qualifikationsweg für die Olympischen Spiele dienen.

26 Sportarten mit Blick auf Los Angeles

Für Istanbul 2027 haben die EOC ein Programm mit 26 Sportarten und Disziplinen bestätigt, davon 22 mit olympischem Status. Das Programm ist bewusst an den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles ausgerichtet: In mehreren Sportarten können Athletinnen und Athleten in Istanbul Quotenplätze oder Ranglistenpunkte für LA28 sammeln. Damit dürfte das Teilnehmerfeld deutlich prominenter ausfallen als bei den ersten Ausgaben. Zum Vergleich: In Krakau 2023 gingen rund 7.000 Aktive aus 48 Ländern an den Start.

Den Zuschlag erhielt Istanbul im März 2024, der Vertrag mit der Gastgeberstadt wurde Anfang 2025 bei der EOC-Generalversammlung in Frankfurt unterzeichnet – gemeinsam von den EOC, der Stadtverwaltung Istanbul und dem türkischen Nationalen Olympischen Komitee.

Istanbuls lange Olympia-Sehnsucht

Für Istanbul haben die Spiele eine Bedeutung, die über zwölf Wettkampftage hinausreicht. Die Metropole hat sich in der Vergangenheit fünfmal vergeblich um Olympische Sommerspiele beworben, zuletzt für 2020, als Tokio den Zuschlag erhielt. Die European Games gelten vielen Beobachtern als Testlauf und Empfehlungsschreiben für einen weiteren Anlauf. Wer ein kontinentales Multisport-Event mit Dutzenden Nationen reibungslos organisiert, verbessert seine Ausgangsposition im olympischen Bewerbungsgeschäft erheblich.

Auch wirtschaftlich ist das Kalkül erkennbar: Die Türkei setzt seit Jahren auf Sportgroßveranstaltungen als Tourismus- und Imagefaktor – von Champions-League-Finals über Formel-1-Rennen bis zu Leichtathletik-Hallenmeisterschaften. Laut GoTürkiye ist der Veranstaltungskalender für 2026 bereits gut gefüllt, während die Vorbereitungen für 2027 parallel laufen.

Chancen und offene Fragen

Ob die European Games in Istanbul den endgültigen Durchbruch des Formats bringen, bleibt abzuwarten. Die Erfahrung der bisherigen Ausgaben zeigt: Entscheidend ist weniger die Kulisse als die sportliche Relevanz. Je mehr Verbände ihre kontinentalen Titelkämpfe und Olympia-Qualifikationen in die Spiele integrieren, desto attraktiver werden sie für Athleten, Medien und Sponsoren. Mit der Anbindung an LA28 haben die Organisatoren hier einen wichtigen Hebel in der Hand.

Für den deutschen Sport sind die Spiele ebenfalls relevant: Der Deutsche Olympische Sportbund schickte zu den bisherigen Ausgaben jeweils große Delegationen, und gerade für Sportarten abseits der großen Fernsehbühne bieten die European Games eine seltene Gelegenheit, sich einem breiten Publikum zu präsentieren. Zwölf Tage im Juni 2027 wird sich zeigen, ob Istanbul daraus ein Fest machen kann – und ob die Stadt am Bosporus damit ihrer olympischen Sehnsucht ein Stück näherkommt.


Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag ist eine unabhängige Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen, unter anderem einer Pressemitteilung von GoTürkiye sowie Angaben der Europäischen Olympischen Komitees.

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