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Buchen auf den letzten Drücker: Warum die Reise wieder spontaner geplant wird

Reiseportale werben verstärkt mit Last-Minute-Angeboten – und berufen sich dabei auf Auswertungen, nach denen immer mehr Menschen erst kurz vor der Abreise buchen. Hinter der Werbung steht ein realer Verhaltenswandel, der weniger mit Schnäppchenjagd zu tun hat, als der Begriff vermuten lässt.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Aus der Not eine Tugend

Das Bild vom Last-Minute-Reisenden ist alt: jemand, der am Flughafen-Schalter ein Restkontingent abstaubt, weil Reiseveranstalter unverkaufte Plätze noch loswerden wollen. Dieses Modell stammt aus einer Zeit, in der Charterflüge und Pauschalkontingente den Markt bestimmten. Heute meint „kurzfristig buchen\" fast das Gegenteil: nicht den Zufallsfund, sondern eine bewusste Entscheidung, die Reise erst dann festzulegen, wenn Termin, Wetter und Preis überschaubar sind.

Auswertungen großer Buchungsplattformen deuten darauf hin, dass dieses Verhalten zunimmt. Laut Daten der Expedia Group aus dem ersten Quartal 2026 stieg die Zahl der Suchanfragen für Reisen, die nur sieben bis dreizehn Tage vor Abflug gebucht werden, weltweit spürbar an. Das Unternehmen führt den Trend auf ein „dynamischeres und weniger planbares\" Umfeld zurück. Solche Zahlen stammen von einem Marktteilnehmer mit eigenem Interesse an spontanen Buchungen und sind entsprechend einzuordnen – der Grundtrend deckt sich aber mit dem, was auch Hotellerie und Veranstalter berichten.

Was die Spontaneität möglich macht

Dass Menschen heute später buchen können, ohne leer auszugehen, hat handfeste Gründe. Die Preise vieler Anbieter passen sich in Echtzeit an Nachfrage und Auslastung an. Wer früh bucht, zahlt bei knappen Terminen oft weniger – bei schwacher Nachfrage kann es sich aber lohnen, abzuwarten. Diese Unsicherheit verschiebt das Kalkül: Statt den vermeintlich sicheren Frühbucherpreis zu nehmen, wetten viele darauf, dass sich kurzfristig noch etwas Passendes findet.

Hinzu kommt die veränderte Arbeitswelt. Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice machen es leichter, ein verlängertes Wochenende erst wenige Tage vorher anzusetzen. Und schließlich reagieren Reisende empfindlicher auf äußere Ereignisse – von Wetterlagen über Streiks bis zu regionalen Krisen. Wer die Nachrichten abwartet, bevor er sich festlegt, verschiebt die Buchung zwangsläufig nach hinten.

Der Preis der Kurzfristigkeit

Spontaneität ist allerdings kein Selbstläufer. Wer erst kurz vor knapp bucht, nimmt eine kleinere Auswahl in Kauf: Beliebte Unterkünfte in der Hauptsaison sind dann oft vergeben, und die verbleibenden Angebote liegen nicht immer günstiger, sondern manchmal deutlich höher. Der Begriff „Last Minute\" suggeriert einen Rabatt, der in der Praxis keineswegs garantiert ist. Ob sich das Warten lohnt, hängt stark von Ziel, Reisezeit und Flexibilität ab.

Auch rechtlich unterscheiden sich die Angebote stärker, als der einheitliche Klick-Ablauf vermuten lässt. Eine kurzfristig zusammengestellte Pauschalreise unterliegt anderen Regeln als die Einzelbuchung von Flug und Hotel über verschiedene Portale. Bei der Pauschalreise haftet der Veranstalter für das Gesamtpaket; wer selbst kombiniert, trägt das Risiko, dass ein verspäteter Flug die nicht stornierbare Hotelnacht wertlos macht. Gerade bei spontanen Buchungen bleibt für solche Feinheiten wenig Zeit.

Ein Markt, der sich anpasst

Für die Anbieter bedeutet der Trend vor allem eines: Planungssicherheit schwindet. Hotels und Fluglinien, die ihre Auslastung früher Monate im Voraus kannten, müssen heute darauf eingestellt sein, einen erheblichen Teil ihrer Nachfrage erst in den letzten zwei Wochen zu bedienen. Das erklärt, warum Vergleichsportale und Plattformen die kurzfristige Buchung inzwischen aktiv bewerben, statt sie als Restposten zu behandeln – sie ist zum eigenen Geschäftsmodell geworden.

Für Reisende bleibt die nüchterne Erkenntnis, dass „spontan\" und „günstig\" nicht dasselbe sind. Die neue Kurzfristigkeit gibt mehr Freiheit, das Wetter oder die eigene Stimmung abzuwarten. Sie verlangt im Gegenzug die Bereitschaft, mit einer engeren Auswahl und schwer vorhersehbaren Preisen zu leben. Wer beides gegeneinander abwägt, trifft die bessere Entscheidung als der, der sich vom Wort „Last Minute\" allein locken lässt.


Dieser Beitrag ordnet einen Branchentrend redaktionell ein und ersetzt keine individuelle Reiseberatung.