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Urlaub ohne Hindernisse: Wie barrierefreies Reisen vom Nischenthema zum Wirtschaftsfaktor wird

Eine Tourismusregion wirbt mit einem Imagevideo für barrierefreien Urlaub. Dahinter steht eine Gästegruppe, die größer ist als viele denken – und ein Markt, den der demografische Wandel wachsen lässt.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Ein Tourismusverband aus den Alpen rückt mit einem neuen Imagevideo, in dem laut eigenen Angaben ein bekannter Schauspieler und Comedian auftritt, das Thema barrierefreier Urlaub in den Vordergrund. Solche Kampagnen häufen sich – und das ist kein Zufall. Barrierefreies Reisen entwickelt sich von einem Randthema, das lange vor allem mit Rollstühlen verbunden wurde, zu einem ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor für die Branche.

Mehr als eine Rampe

Der Begriff führt leicht in die Irre. Barrierefreiheit im Tourismus meint längst nicht nur den stufenlosen Zugang zum Hotel. Sie betrifft Menschen mit eingeschränkter Mobilität ebenso wie Reisende mit Seh- oder Höreinschränkung, mit chronischen Erkrankungen oder kognitiven Beeinträchtigungen. Und sie betrifft weit mehr Menschen, als die Zahl der amtlich anerkannten Schwerbehinderungen vermuten lässt: Familien mit Kinderwagen, Senioren mit Rollator, wer vorübergehend nach einer Operation unterwegs ist.

Fachleute sprechen deshalb bewusst von "Reisen für alle". Der Grundgedanke: Ein Angebot, das für Menschen mit Einschränkungen funktioniert, ist meist für alle Gäste komfortabler. Breite Türen, gute Beschilderung und verlässliche Informationen nützen jedem.

Was die Zahlen sagen

Wie groß das Potenzial ist, zeigen Untersuchungen aus der Branche. Eine vielzitierte deutsche Studie zum barrierefreien Tourismus, an der nach Angaben der Autoren über 1.300 Menschen teilnahmen, kam zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Knapp die Hälfte der Befragten würde häufiger verreisen, wenn es mehr barrierefreie Angebote gäbe. Die Erhebung hält zudem fest, dass Reisende mit Einschränkungen dieselben Urlaubsinteressen haben wie alle anderen – sie planen nur genauer und legen schon bei der Buchung großen Wert auf verlässliche Angaben zur Barrierefreiheit.

Häufig zitiert wird auch die Faustregel, dass Barrierefreiheit für rund 40 Prozent der Bevölkerung notwendig oder hilfreich, für alle aber ein Qualitätsmerkmal sei. Solche Zahlen stammen aus der Fachdebatte und sind als Größenordnung zu verstehen, nicht als exakte Messung. Sie machen aber deutlich, warum Destinationen das Thema zunehmend als Chance und nicht als Pflicht begreifen.

Das Problem mit der verlässlichen Information

Der wunde Punkt vieler Angebote ist nicht die fehlende Rampe, sondern die fehlende Verlässlichkeit der Informationen. Wer auf einen barrierefreien Zugang angewiesen ist, kann sich einen Fehlgriff bei der Buchung schlecht leisten. Genau hier setzt das bundesweite Kennzeichnungssystem "Reisen für Alle" an: Betriebe werden nach einem einheitlichen Kriterienkatalog geprüft, damit Gäste vorab wissen, was sie erwartet. Nach Angaben der Träger wurden auf diesem Weg bereits mehrere tausend Betriebe und Angebote erfasst; das System wird inzwischen bundesweit eingesetzt.

Die zweite Hürde ist die Kette. Ein barrierefreies Hotelzimmer nützt wenig, wenn die Anreise, der Ausflug oder das Restaurant am Abend nicht mitgedacht sind. Barrierefreier Tourismus funktioniert nur so gut wie sein schwächstes Glied – ein Grund, warum ganze Regionen das Thema gemeinsam angehen, statt es einzelnen Häusern zu überlassen.

Ein Trend mit demografischem Rückenwind

Dass die Nachfrage wächst, hat vor allem einen Grund: Die Gesellschaft altert. Mit steigendem Alter nehmen Mobilitäts- und Gesundheitseinschränkungen zu – und damit die Zahl der Menschen, für die Barrierefreiheit über die Urlaubsentscheidung mitentscheidet. Für Anbieter ist das eine kaufkräftige und wachsende Zielgruppe, die zudem oft außerhalb der Hauptsaison reist.

Ob ein einzelnes Imagevideo daran viel ändert, bleibt abzuwarten. Es steht aber für eine Verschiebung im Marketing: Barrierefreiheit wird nicht mehr im Kleingedruckten versteckt, sondern nach vorne geholt. Für Reisende, die bislang mühsam nach passenden Angeboten suchen mussten, ist das eine gute Nachricht.


Dieser Beitrag ordnet einen aktuellen Branchentrend ein und gibt Studien- und Projektangaben als solche wieder. Er ist eine redaktionelle Einordnung und ersetzt keine individuelle Reiseberatung.