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Brennnesseln statt Brachland: Warum eine alte Faserpflanze auf belasteten Böden ein Comeback erlebt

Eine alte Faserpflanze in neuem Kontext: Eine internationale Studie untersucht, ob Brennnesseln zusammen mit Pappeln auf Industriebrachen nachhaltige Fasern liefern können – ohne mit dem Ackerland zu konkurrieren.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Die Brennnessel gilt vielen als Unkraut – als etwas, das man am Wegrand meidet und aus dem Garten entfernt. Dass in ihren Stängeln lange, reißfeste Fasern stecken, ist heute weitgehend vergessen. Dabei war die Große Brennnessel (Urtica dioica) über Jahrhunderte ein etablierter Rohstoff für Textilien, bevor die Baumwolle im 19. Jahrhundert die älteren Pflanzenfasern verdrängte. Eine neue internationale Studie, über die der Informationsdienst Wissenschaft (idw) berichtet, rückt die Pflanze nun in einem überraschenden Zusammenhang wieder ins Blickfeld: als nachhaltige Faserquelle auf Industriebrachen und belasteten Flächen.

Fläche, die niemand nutzen will

In Deutschland, Frankreich und Italien gibt es zahlreiche ehemalige Industrie- und Konversionsflächen, die für Landwirtschaft oder Wohnbebauung schwer nutzbar sind – oft, weil Böden mit Schadstoffen belastet sind oder eine intensive Bewirtschaftung sich nicht lohnt. Solche Standorte liegen häufig jahrelang brach. Genau hier setzt die Untersuchung an: Sie prüfte, ob sich Brennnesseln als Faserpflanze auf solchen Flächen anbauen lassen, ohne mit dem Nahrungsmittelanbau auf wertvollem Ackerland zu konkurrieren.

Verglichen wurde laut Studienangaben ein kombiniertes Anbausystem aus Brennnesseln und Pappeln mit alternativen Nutzungsformen wie konventioneller Landwirtschaft, natürlicher Sukzession – also dem sich selbst überlassenen Zuwachsen der Fläche – oder der Installation von Photovoltaikanlagen. Das Ergebnis, das die Forschenden hervorheben: Die Kombination aus Brennnesseln und Pappeln erzielte insbesondere bei ökologischen Kriterien die günstigste Bewertung.

Warum ausgerechnet Brennnessel und Pappel?

Die Paarung ist kein Zufall. Pappeln gelten als schnellwachsende Gehölze, die tief wurzeln, Böden stabilisieren und im Rahmen sogenannter Kurzumtriebsplantagen Biomasse liefern. Die Brennnessel wiederum ist anspruchslos, wächst auf nährstoffreichen wie gestörten Böden und bildet die begehrten Bastfasern aus. Zusammen könnten die beiden Arten laut den in der Mitteilung referierten Ergebnissen mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen: Bodenfunktionen verbessern, das Erosionsrisiko senken und die Artenvielfalt erhöhen – während zugleich ein verwertbarer Rohstoff entsteht.

Für die Einordnung ist wichtig, solche Aussagen als Potenzialabschätzung zu lesen, nicht als bereits industriell erprobtes Verfahren. Die Studie beschreibt Chancen unter bestimmten Standortbedingungen; ob und wie wirtschaftlich sich Brennnesselfasern in größerem Maßstab ernten, aufschließen und verarbeiten lassen, ist eine eigene, technisch anspruchsvolle Frage. Die Fasergewinnung aus Brennnesseln galt historisch als arbeitsintensiv – einer der Gründe, warum die Baumwolle sich durchsetzte.

Ein Baustein der Bioökonomie

Der eigentliche Reiz des Ansatzes liegt in der Mehrfachnutzung. Flächen, die weder für Nahrungsmittel noch für Bebauung taugen, würden nicht einfach nur begrünt, sondern in einen Wertschöpfungskreislauf eingebunden. Die Studie nennt laut idw neben ökologischen auch wirtschaftliche und soziale Potenziale: Die Nutzung belasteter Standorte könnte neue lokale Wertschöpfung ermöglichen und zur nachhaltigen Entwicklung solcher Areale beitragen.

Damit passt die Brennnessel in einen größeren Trend. Die Textil- und Materialbranche sucht seit Jahren nach Fasern mit geringerem ökologischem Fußabdruck als Baumwolle, deren Anbau viel Wasser und Fläche beansprucht. Regionale Naturfasern – von Hanf über Flachs bis eben zur Brennnessel – werden dabei immer wieder neu untersucht. Dass sich eine solche Faser womöglich ausgerechnet auf Problemflächen gewinnen lässt, macht das Konzept aus Sicht der Kreislaufwirtschaft interessant.

Von der Studie zur Praxis ist es weit

Vorsicht bleibt angebracht: Zwischen einer positiven Nachhaltigkeitsbilanz im Modellvergleich und einer marktfähigen Faserproduktion liegt ein langer Weg aus Feldversuchen, Ernte- und Aufschlusstechnik sowie Abnehmern in der Industrie. Belastete Böden werfen zudem die Frage auf, wie mit möglichen Schadstoffen in der Pflanzenbiomasse umzugehen ist – ein Punkt, der bei jeder Nutzung kontaminierter Flächen sorgfältig geprüft werden muss.

Als Signal ist die Studie dennoch bemerkenswert. Sie zeigt, dass die Antwort auf drängende Fragen – nachhaltige Rohstoffe, Umgang mit Brachen, Flächenkonkurrenz – manchmal nicht in einer Hightech-Neuentwicklung liegt, sondern in einer Pflanze, die schon unsere Vorfahren zu Kleidung verarbeitet haben. Die Brennnessel bekommt so eine zweite Chance, diesmal als möglicher Baustein einer regionalen, kreislauforientierten Materialwirtschaft.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Presse- und Wissenschaftsmeldungen. Die genannten Ergebnisse geben den Stand der zitierten Studie wieder und stellen keine abschließende Bewertung der wirtschaftlichen oder ökologischen Machbarkeit dar.

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