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Besucher aus einer anderen Zeit: Warum der Komet 3I/ATLAS älter sein dürfte als unsere Sonne

Der interstellare Komet 3I/ATLAS ist erst der dritte bekannte Besucher aus einem fremden Sternsystem – und laut neuen Analysen womöglich älter als die Sonne. Was Deuterium und Kohlenstoff-Isotope über seine Herkunft verraten.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Es klingt nach Science-Fiction, ist aber nüchterne Astronomie: Durch unser Sonnensystem zieht derzeit ein Objekt, das älter sein dürfte als die Sonne selbst. Der interstellare Komet 3I/ATLAS, im Sommer 2025 vom ATLAS-Durchmusterungsteleskop entdeckt, ist erst der dritte bekannte Besucher aus einem fremden Sternsystem – nach 1I/ʻOumuamua (2017) und 2I/Borisov (2019). Eine über den Informationsdienst Wissenschaft verbreitete Mitteilung der Europäischen Südsternwarte (ESO) fasst nun zusammen, was Forschende inzwischen über Herkunft und Alter des Objekts wissen.

Ein Fossil fremder Planetenentstehung

Interstellare Kometen sind eisige Körper, die sich um einen anderen Stern gebildet haben und durch gravitative Störungen aus ihrem Heimatsystem geschleudert wurden. Für die Wissenschaft sind sie ein Glücksfall: Sie konservieren Material aus einer Planetenentstehung, die sich in großer Entfernung und lange vor unserer Zeit abgespielt hat – und lassen sich trotzdem mit Teleskopen aus vergleichsweise kurzer Distanz untersuchen. Die Astronomin Cyrielle Opitom von der Universität Edinburgh, die eine Studie zu 3I/ATLAS gemeinsam mit Kollegen der Universität Lüttich leitete, vergleicht solche Objekte deshalb mit Fossilien.

Die Indizien: Deuterium und Kohlenstoff-Isotope

Wie bestimmt man das Alter eines Kometen, der von außerhalb kommt? Über seine Chemie. Zwei Befunde stechen laut den beteiligten Forschungsteams heraus. Erstens weist 3I/ATLAS eine auffällig hohe Konzentration von Deuterium auf, einer schweren Variante des Wasserstoffs. Das deutet darauf hin, dass der Komet in einer extrem kalten Umgebung entstand – vermutlich in einer dichten, gefrorenen Wolke während einer Epoche, in der die Sternentstehung im Universum ihren Höhepunkt erreichte.

Zweitens fanden Astronominnen und Astronomen ein sehr niedriges Verhältnis von Kohlenstoff-13 zu gewöhnlichem Kohlenstoff-12. Da Galaxien wie die Milchstraße das schwerere Isotop nur langsam über Generationen von Sternen anreichern, spricht ein geringer Anteil dafür, dass der Himmelskörper früh entstand – bevor diese Anreicherung weit fortgeschritten war. Zusammengenommen legen die Messungen nahe, dass 3I/ATLAS deutlich mehr als sieben Milliarden Jahre alt sein könnte; einzelne Analysen halten sogar zehn bis zwölf Milliarden Jahre für möglich. Zum Vergleich: Unser Sonnensystem ist rund 4,6 Milliarden Jahre alt.

Herkunft in der „dicken Scheibe" der Milchstraße

Auch die Flugbahn liefert Hinweise. Der etwa zwölf Kilometer große Komet stammt möglicherweise von einem Stern in der sogenannten dicken Scheibe der Milchstraße – einer Population älterer Sterne, die sich ober- und unterhalb der galaktischen Hauptebene bewegen. Das würde zum chemischen Befund passen: Die dicke Scheibe gilt als Heimat besonders alter Sternsysteme aus der Frühzeit unserer Galaxie.

Warum das mehr ist als eine Kuriosität

Der Fall zeigt, wie schnell sich ein junges Forschungsfeld entwickelt. Als ʻOumuamua 2017 entdeckt wurde, blieb kaum Zeit für Beobachtungen, und viele Fragen blieben offen. Bei 3I/ATLAS konnten Großteleskope wie die Anlagen der ESO in Chile den Besucher dagegen über Monate spektroskopisch verfolgen. Jedes dieser Objekte ist eine Stichprobe aus einem fremden Planetensystem – Material, das keine Raumsonde der Welt in absehbarer Zeit einsammeln könnte.

Mit neuen Durchmusterungsprojekten wie dem Vera-C.-Rubin-Observatorium rechnen Fachleute damit, dass interstellare Objekte künftig deutlich häufiger entdeckt werden. Aus dem Ausnahmeereignis könnte dann Routine werden – und aus einzelnen Fossilien eine ganze Sammlung, die verrät, wie Planetenentstehung anderswo in der Galaxie ablief, lange bevor es Sonne und Erde überhaupt gab.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Wissenschaftsmitteilungen, u. a. der ESO via Informationsdienst Wissenschaft (idw).

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