Anfassen erwünscht: Warum Mitmach-Museen zum festen Bildungsort werden
Ein auf Zeit angelegtes Wissenschaftszentrum in Freising wird bis Ende des Jahres verlängert – wegen des großen Andrangs. Der Fall steht für ein Ausstellungsformat, das sich in Deutschland vom Ausflugstipp zum ernst genommenen Lernort entwickelt hat.
In Freising bei München zieht eine Mitmach-Ausstellung zu Naturwissenschaften und Technik so viele Besucher an, dass die Betreiber sie bis Ende 2026 verlängern. Nach eigenen Angaben haben das Pop-up-Wissenschaftszentrum bereits mehr als 10.000 Menschen besucht, darunter über hundert Schul-, Kindergarten- und Hortgruppen. Die Zahlen einer einzelnen Ausstellung sind für sich genommen unspektakulär. Bemerkenswert ist, wofür sie stehen: für einen Ausstellungstyp, der das Museum vom Ort des Betrachtens zum Ort des Ausprobierens umgebaut hat.
Vom Kuriositätenkabinett zum Experimentierfeld
Das klassische Museum trennt streng zwischen Objekt und Publikum: Hinter Glas, mit Abstandsband, „Bitte nicht berühren". Science Center und Mitmach-Museen drehen dieses Prinzip um. Hier ist das Anfassen nicht geduldet, sondern Programm. Besucher kurbeln an Modellen, schicken Kugeln durch Röhren, erzeugen Blitze oder testen optische Täuschungen am eigenen Körper. Die Idee stammt aus den USA der 1960er-Jahre, als in San Francisco das erste große Haus dieser Art entstand. In Deutschland folgten seit den 1990er-Jahren Häuser wie das Phaeno in Wolfsburg, die Experimenta in Heilbronn oder das Universum in Bremen.
Der pädagogische Kern ist rasch erklärt: Wer einen physikalischen Effekt selbst auslöst, behält ihn eher als jemand, der eine Tafel liest. Dieses „begreifen im doppelten Wortsinn" ist zum Markenzeichen der Branche geworden – und zum Argument gegenüber Schulen, die feste Lehrpläne mit Ausflügen verbinden wollen.
Ein Format mit Rückenwind
Dass Freising verlängert, ist kein Einzelfall. Nach dem coronabedingten Einbruch der Jahre 2020 und 2021 verzeichneten Museen in Deutschland ab 2022 wieder deutlich steigende Besucherzahlen. Technik- und Mitmach-Häuser profitierten dabei besonders, weil sie Familien ein aktives Programm bieten. Das Deutsche Technikmuseum in Berlin meldete zusammen mit seinem Science Center Spectrum für 2023 einen Rekord von mehr als 716.000 Gästen – ein Wert, den Sonderausstellungen zum Reparieren und zur Klimakrise mittrugen.
Für Städte und Stiftungen sind solche Häuser mehr als Freizeitangebote. Sie gelten als Instrument, um Kinder und Jugendliche früh für Naturwissenschaft und Technik zu begeistern – in einer Zeit, in der Betriebe über fehlenden Nachwuchs in technischen Berufen klagen. Das Pop-up-Modell aus Freising senkt dabei die Einstiegshürde: Wo ein dauerhaftes Science Center Millionen kostet, lässt sich eine befristete Ausstellung mit überschaubarem Aufwand in eine bestehende Halle bringen und bei Erfolg verlängern.
Zwischen Aha-Effekt und Erlebnispark
Ganz ohne Kritik kommt das Format nicht aus. Fachleute aus der Museumspädagogik weisen darauf hin, dass der Reiz des Knopfdrückens leicht zum Selbstzweck werden kann: Wer von Station zu Station eilt, nimmt mitunter den Effekt mit, aber nicht die Erklärung dahinter. Die Grenze zwischen Bildungsort und Erlebnispark ist fließend, und nicht jede blinkende Installation vermittelt tatsächlich einen Lerninhalt. Gute Häuser begegnen dem mit geschultem Personal, das nachfragt und einordnet, statt die Besucher allein an den Geräten zu lassen.
Auch die Verlässlichkeit ist ein Thema. Interaktive Exponate werden intensiv genutzt und gehen entsprechend oft kaputt; der laufende Betrieb ist wartungsintensiver als eine Vitrinenausstellung. Und ein Pop-up bleibt, was der Name sagt: Es verschwindet wieder. Ob aus dem Freisinger Erfolg irgendwann ein dauerhaftes Angebot wird, ist offen.
Als Momentaufnahme aber zeigt der Fall, wie sehr sich der Umgang mit Wissen verschoben hat. Das Publikum will nicht länger nur schauen. Es will drehen, drücken und selbst herausfinden, was passiert – und die Museen haben gelernt, genau das anzubieten.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchen- und Gesellschaftstrends.