Zurück ins eigene Rechenzentrum: Warum Unternehmen KI-Workloads aus der Public Cloud holen
Jahrelang galt die Public Cloud als selbstverständlicher Ort für künstliche Intelligenz. Nun verlagern viele Unternehmen KI-Anwendungen zurück auf eigene Server – getrieben von Kosten, Datenschutz und Tempo. Ein Blick auf eine leise Kehrtwende.
Über ein Jahrzehnt lang lautete die Standardantwort auf fast jede IT-Frage „Cloud". Rechenleistung mieten statt kaufen, Speicher aus dem Netz beziehen, Software als Dienst abonnieren – das galt als moderner Weg, gerade für rechenhungrige Anwendungen wie künstliche Intelligenz. Nun mehren sich Anzeichen, dass sich die Bewegung an einer wichtigen Stelle umkehrt: Zahlreiche Unternehmen holen ihre KI-Anwendungen ganz oder teilweise aus der öffentlichen Cloud zurück auf eigene Server. In der Branche kursiert dafür ein Begriff, der lange als Ketzerei galt: Repatriierung, die Heimholung der Daten.
Was hinter der Kehrtwende steckt
Sichtbar wird der Trend unter anderem in einer Umfrage der Marktforschungsplattform Centiment, die im Auftrag des Speicheranbieters Cloudian rund 200 IT-Entscheiderinnen und -Entscheider befragt hat. Das Ergebnis, das seit dem Frühjahr durch die Fachpresse geht: Eine große Mehrheit der Unternehmen hat KI-Anwendungen bereits aus der Public Cloud zurückverlagert, tut dies gerade oder prüft den Schritt zumindest. Bei solchen Zahlen ist ein Vorbehalt angebracht – die Erhebung stammt von einem Anbieter, der selbst Infrastruktur für den Eigenbetrieb verkauft und damit ein Interesse am Befund hat. Dass die Richtung stimmt, bestätigen allerdings auch unabhängige Analysten, die seit Monaten von einer „Cloud-Repatriierung" im KI-Bereich sprechen.
Drei Motive tauchen dabei immer wieder auf. Erstens die Kosten: Wer KI-Modelle dauerhaft und in großem Umfang laufen lässt, für den kann die anfangs bequeme Abrechnung nach Verbrauch in der Cloud teuer und schwer kalkulierbar werden. Zweitens der Datenschutz: Werden sensible Unternehmens- oder Kundendaten verarbeitet, wollen viele Firmen genau wissen, wo diese liegen und wer Zugriff hat – ein Thema, das durch europäische Debatten über digitale Souveränität zusätzlich an Gewicht gewonnen hat. Drittens die Geschwindigkeit: Anwendungen wie Bildauswertung in der Fertigung oder Analysen in Echtzeit vertragen keine langen Wege ins Rechenzentrum eines Anbieters und wieder zurück.
Keine Absage an die Cloud
Es wäre allerdings ein Missverständnis, daraus das Ende des Cloud-Zeitalters abzulesen. Was sich abzeichnet, ist weniger eine Rückabwicklung als eine Neuverteilung. Unternehmen fragen zunehmend pro Anwendung, wo sie am besten aufgehoben ist – und landen häufig bei einer Mischung: rechenintensive, datenkritische oder besonders zeitkritische KI im eigenen Haus, flexible und schwankende Lasten weiterhin in der Cloud. Fachleute sprechen von hybriden Architekturen, in denen beide Welten nebeneinander bestehen.
Für die Cloud-Konzerne bleibt das Geschäft mit künstlicher Intelligenz enorm; die Investitionen der Unternehmen in KI wachsen laut den einschlägigen Umfragen weiter. Verschoben hat sich vor allem die Grundhaltung. Wo „Cloud first" jahrelang als Automatismus galt, tritt nun eine nüchternere Frage an seine Stelle: Welcher Ort passt zu welcher Aufgabe? Das klingt unspektakulär, ist für die Planung von IT-Abteilungen aber ein spürbarer Kurswechsel.
Was das für den Mittelstand bedeutet
Gerade kleinere und mittlere Betriebe, die den Einstieg in die künstliche Intelligenz noch vor sich haben, können aus der Debatte etwas mitnehmen. Der bequemste Weg ist nicht automatisch der günstigste – und die Frage nach dem Speicherort der Daten sollte am Anfang eines KI-Projekts stehen, nicht am Ende. Eigene Hardware bedeutet zugleich eigenen Betriebsaufwand, Fachpersonal und Wartung; nicht jedes Unternehmen will oder kann das leisten. Die Heimholung ist damit kein Patentrezept, sondern eine Abwägung, die jeder Betrieb für seine konkreten Anwendungen neu treffen muss.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchentrends und keine Handlungsempfehlung. Genannte Umfragedaten geben die jeweiligen Quellen wieder.