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Wolle, die nichts mehr wert ist: Warum eine Allgäuer Genossenschaft trotzdem davon leben kann

Deutsche Schafwolle bringt oft weniger ein, als die Schur kostet. Dass es auch anders geht, zeigt eine Genossenschaft aus Oberschwaben, die Ende Juli ihre Lager und Manufakturen öffnet – und ein Geschäftsmodell vorführt, das gegen den Branchentrend läuft.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Es klingt paradox: Wolle gilt als nachhaltiger Naturrohstoff schlechthin, doch für viele deutsche Schäfereien ist sie längst ein Verlustgeschäft. Die Preise für heimische Schurwolle liegen je nach Qualität teils bei wenigen Dutzend Cent pro Kilogramm – während die Schur eines Schafes mehrere Euro kostet. Wer Schafe hält, zahlt fürs Scheren also häufig drauf. Ein Termin in Oberschwaben lenkt den Blick nun auf ein Gegenmodell: Die Schäfereigenossenschaft Finkhof im Bad Wurzacher Ortsteil Arnach öffnet am 31. Juli und 1. August ihr Lager und ihre Manufakturen für Besucher.

Eine Branche im Dauertief

Die Zahlen hinter der sogenannten Wollkrise sind ernüchternd. Nach Branchenangaben wurden 2024 bundesweit noch rund 1,5 Millionen Schafe gehalten – fast 90.000 weniger als zehn Jahre zuvor. Die Zahl der schafhaltenden Betriebe schrumpft seit Jahrzehnten, von über 30.000 um die Jahrtausendwende auf gut 10.000 heute. Ein wesentlicher Grund: Weder Wolle noch Lammfleisch bringen vielen Betrieben kostendeckende Erlöse. Der Weltmarkt wird von feiner Merinowolle aus Übersee dominiert, die Nachfrage aus China ist eingebrochen, und gröbere Wolle deutscher Landrassen findet als Massenware kaum noch Abnehmer. Was einst ein Wirtschaftsgut war, wird mancherorts entsorgt wie Abfall.

Das Gegenmodell: Wertschöpfung im eigenen Haus

Vor diesem Hintergrund ist interessant, wie einzelne Betriebe der Preisfalle entkommen. Der Finkhof, 1979 von einer Gruppe junger Leute als selbstverwaltete Genossenschaft gegründet, setzt seit Jahrzehnten auf einen Weg, den Agrarökonomen als vertikale Integration bezeichnen würden: Die Genossenschaft hält nicht nur Schafe – nach eigenen Angaben seit 1992 als Bioland-Betrieb –, sondern betreibt auch eine Fellgerberei, eine Handweberei, eine Näherei und einen Hofladen samt Versandhandel. Die Wolle verlässt den Betrieb also nicht als Rohstoff zum Weltmarktpreis, sondern als fertiges Produkt: als Garn, Bettwaren oder Naturtextilien, teils zertifiziert nach dem strengen Naturtextil-Siegel IVN BEST.

Damit dreht die Genossenschaft die Logik der Wollkrise um. Wo der Rohstoff fast nichts mehr wert ist, entsteht der Wert in der Verarbeitung – und die findet hier am selben Ort statt, an dem die Schafe weiden. Dass ein solches Modell funktioniert, ist allerdings kein Selbstläufer: Es setzt handwerkliches Können, eine zahlungsbereite Kundschaft und jahrzehntelang aufgebaute Strukturen voraus. Für den durchschnittlichen Schäfereibetrieb, der von Landschaftspflege und Fleischerlösen lebt, ist es kaum kurzfristig kopierbar.

Tage der offenen Tür als Schaufenster

Bei den Öffnungstagen Ende Juli können Besucher nach Angaben der Genossenschaft jeweils von 9 bis 18 Uhr durch Lager und Werkstätten gehen, Einzelstücke und Auslaufmodelle erwerben und die Verarbeitungsschritte vom Vlies zum fertigen Produkt besichtigen. Solche Formate haben für Direktvermarkter eine doppelte Funktion: Sie räumen Lagerbestände und binden Kunden, die den Aufpreis regionaler Naturprodukte nur zahlen, wenn sie die Herkunft nachvollziehen können.

Einordnung: Nische statt Rettung

Der Fall zeigt exemplarisch, was in der Debatte um heimische Wolle oft untergeht: Das Problem ist weniger die Qualität des Rohstoffs als das Fehlen regionaler Verarbeitungsstrukturen. Spinnereien, Webereien und Gerbereien sind aus Deutschland weitgehend abgewandert; wer seine Wolle veredeln will, findet kaum noch Dienstleister. Initiativen, die Wolle als Dämmstoff, Dünger oder Textilrohstoff neu positionieren wollen, gibt es inzwischen einige – doch solange die Verarbeitung fehlt, bleiben Betriebe wie der Finkhof, die die gesamte Kette selbst aufgebaut haben, eine Nische. Eine Nische allerdings, die vormacht, dass „wertlose" Wolle kein Naturgesetz ist.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchenthemas. Anlass ist eine Pressemitteilung der Schäfereigenossenschaft Finkhof eG; Angaben zum Betrieb beruhen auf Unternehmensangaben, Marktdaten auf Fach- und Agrarmedien.

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