News

Werkbank mit Küstenlage: Warum Vietnams Zentralregion für den deutschen Mittelstand interessant wird

Eine Delegation aus Da Nang besucht Berlin und Chemnitz. Der Besuch zeigt: Innerhalb Vietnams ist der Wettbewerb um deutsche Investoren entbrannt — und die Zentralregion will vom Lieferketten-Umbau profitieren.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Vom 5. bis 8. Juli 2026 reist eine Wirtschaftsdelegation aus der vietnamesischen Küstenstadt Da Nang nach Berlin und Chemnitz, um dort nach Angaben des veranstaltenden German Global Trade Forum Berlin Gespräche mit Unternehmen und Institutionen zu führen. Solche Besuche sind für sich genommen Routine der Wirtschaftsdiplomatie. Bemerkenswert ist aber, wer da anklopft: Nicht Hanoi oder Ho-Chi-Minh-Stadt, die klassischen Anlaufstellen ausländischer Investoren, sondern eine Stadt aus Vietnams Zentralregion — einer Gegend, die lange im Schatten der beiden Metropolen stand.

Vietnam ist längst mehr als verlängerte Werkbank

Die deutsch-vietnamesischen Wirtschaftsbeziehungen haben in den vergangenen Jahren deutlich an Gewicht gewonnen. Deutschland ist Vietnams größter Handelspartner innerhalb der EU; rund ein Drittel aller EU-Exporte nach Vietnam stammt aus der Bundesrepublik. Umgekehrt liefert Vietnam Elektronik, Textilien, Schuhe und zunehmend auch höherwertige Komponenten nach Europa. Der Warenaustausch ist dabei strukturell unausgeglichen: Vietnam exportiert wertmäßig ein Mehrfaches dessen nach Deutschland, was es von dort bezieht.

Ein wesentlicher Treiber ist das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Vietnam (EVFTA), das seit August 2020 in Kraft ist. Es sieht vor, dass über die Jahre 99 Prozent der Zölle zwischen beiden Wirtschaftsräumen entfallen. Für deutsche Maschinenbauer, Chemieunternehmen und Automobilzulieferer senkt das die Markteintrittskosten spürbar — und für Einkäufer wird Vietnam als Beschaffungsmarkt attraktiver.

Diversifizierung als Dauerthema

Dass Vietnam im Kurs steigt, hat auch geopolitische Gründe. Viele deutsche Unternehmen suchen seit Jahren nach Wegen, ihre Lieferketten breiter aufzustellen und die Abhängigkeit von einzelnen Beschaffungsmärkten zu verringern — Stichwort „China plus eins". Vietnam gehört zu den größten Profiteuren dieser Strategie: politisch stabil, mit junger Bevölkerung, wachsender Industriebasis und einer Regierung, die ausländische Investitionen aktiv umwirbt. Die Kehrseite: Auch Löhne und Grundstückspreise in den etablierten Wirtschaftszentren rund um Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt ziehen an, Industrieflächen werden dort knapper.

Warum gerade die Zentralregion?

Genau hier setzt das Werben der Zentralregion an. Städte wie Da Nang positionieren sich als kostengünstigere Alternative mit Tiefseehafen, internationalem Flughafen und wachsender IT- und Dienstleistungsszene. Die Region punktet nach Einschätzung von Marktbeobachtern mit niedrigeren Kosten und hoher Lebensqualität — ein Argument, das auch für die Entsendung ausländischer Fachkräfte zählt. Da Nang selbst hat sich zudem als Zentrum für Softwareentwicklung und digitale Dienstleistungen einen Namen gemacht und versucht, gezielt Halbleiter- und Hightech-Investitionen anzuziehen.

Dass die Delegation neben Berlin auch Chemnitz besucht, dürfte kein Zufall sein: Sachsen beheimatet mit seinem Mikroelektronik-Cluster genau die Branchen, in denen Vietnam Anschluss sucht. Zugleich leben in Ostdeutschland aus der DDR-Vertragsarbeiter-Geschichte heraus viele Menschen mit vietnamesischen Wurzeln — ein Netzwerk, das wirtschaftliche Kontakte seit Jahrzehnten erleichtert.

Was Mittelständler beachten sollten

Für deutsche Mittelständler, die über ein Engagement nachdenken, bleibt Vietnam dennoch ein Markt, der Vorbereitung verlangt. Genehmigungsverfahren, Landrechte und lokale Partnerstrukturen unterscheiden sich deutlich von europäischen Gepflogenheiten; auch die Verwaltungsreform, mit der Vietnam zuletzt Provinzen zusammengelegt und Zuständigkeiten neu geordnet hat, sorgt vorübergehend für Umstellungen. Wer die Zentralregion in Betracht zieht, sollte Infrastrukturanbindung, Zulieferdichte und Fachkräfteangebot nüchtern gegen die niedrigeren Kosten abwägen — und die Zusagen lokaler Investitionsförderer wie überall sorgfältig prüfen.

Der Delegationsbesuch zeigt jedenfalls, dass der Wettbewerb um deutsches Kapital innerhalb Vietnams angekommen ist. Für den Mittelstand bedeutet das vor allem eines: mehr Auswahl — und eine bessere Verhandlungsposition.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen, unter anderem einer Pressemitteilung des German Global Trade Forum Berlin.

Mehr zum Thema

  • Konsolidierung an der Kasse: Warum sich der Markt für Instore-Technologie neu sortiert
  • Zwischen Kette und Einzelkämpfer: Wie Genossenschaften unabhängige Hörakustiker im Markt halten
  • Roboter mieten statt kaufen: Warum Leasing und "Robotics as a Service" zum Normalfall werden
  • Automatisierung von unten: Wie kleine Skripte den Büroalltag im Mittelstand verändern
  • Letzte Runde für den Beratungszuschuss: Das BAFA-Programm für KMU läuft Ende 2026 aus
  • Viel Ambition, wenig Reife: Was das Einkaufsbarometer 2026 über KI im Einkauf des Mittelstands zeigt