Digitales

Wenn die Karte vor der Sturzflut warnt: Wie Kommunen sich digital gegen Starkregen wappnen

Starkregen trifft Städte oft dort, wo niemand mit Wasser rechnet. Digitale Gefahrenkarten und Simulationen sollen zeigen, welche Straßen und Keller im Ernstfall volllaufen – und rücken die Vorsorge von der Landkarte auf den Bildschirm.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Ein Sommergewitter, das binnen einer Stunde so viel Regen bringt wie sonst in Wochen: Solche Ereignisse häufen sich, und sie treffen längst nicht nur Flussanlieger. Wenn Kanäle überlaufen und Wasser über Straßen abfließt, entstehen Schäden auch in Vierteln, die weit von jedem Bach entfernt liegen. Genau diese schwer vorhersehbaren Sturzfluten – Fachleute sprechen von pluvialem Hochwasser – stellen Städte vor ein Problem, das sich mit klassischen Hochwasserplänen nur unzureichend fassen lässt.

Vom Pegelstand zur Fläche

Traditioneller Hochwasserschutz denkt in Flüssen und Pegeln: Man weiß, wo das Wasser steht, und kann Deiche und Rückhalteräume danach auslegen. Starkregen funktioniert anders. Er kann überall niedergehen, und wohin das Wasser läuft, entscheidet die Topografie eines ganzen Stadtgebiets – jede Senke, jede Unterführung, jede versiegelte Fläche. Um das abzubilden, reicht ein Blick auf den Fluss nicht mehr aus. Nötig ist ein Modell, das Geländeoberfläche, Gewässer und Kanalnetz zusammen betrachtet.

An solchen Ansätzen arbeiten mehrere Forschungseinrichtungen. An der Universität Siegen etwa untersucht das Forschungsinstitut Wasser und Umwelt, wie sich Starkregen und Flusshochwasser gemeinsam simulieren lassen – also die Wechselwirkung zwischen dem, was von oben kommt, und dem, was die Kanalisation noch aufnehmen kann. Das Ergebnis solcher Modelle sind digitale Gefahrenkarten, die einzelne Gebäude und Straßenzüge nach ihrem Risiko einordnen. Nach Angaben der Projekte geht es dabei ausdrücklich darum, Kommunen ein Werkzeug an die Hand zu geben, mit dem sie kritische Punkte erkennen, bevor das Wasser sie findet.

Karten, die viele Städte längst haben

So neu die Technik klingt, so verbreitet ist die Grundidee inzwischen. Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Hessen stellen flächendeckende Starkregen-Hinweiskarten bereit, zahlreiche Städte haben eigene Gefahrenkarten erstellen lassen. Sie zeigen in abgestuften Farben, wo sich Wasser bei extremen Regenmengen sammeln würde und wie hoch es dort stehen könnte. Für Anwohner sind solche Karten oft ernüchternd: Sie machen sichtbar, dass auch ein Grundstück am Hang oder eine Tiefgarage in der Innenstadt gefährdet sein kann.

Der eigentliche Fortschritt liegt weniger in der Karte selbst als in ihrer Aktualität. Statische Übersichten zeigen ein Durchschnittsszenario. Der Trend geht dahin, Modelle mit Wetterdaten zu koppeln, sodass sich für eine konkret angekündigte Regenlage abschätzen lässt, welche Bereiche zuerst betroffen sind. Aus der Planungsgrundlage für den Schreibtisch wird so perspektivisch ein Instrument, das im Ernstfall Einsatzkräfte und Bevölkerung gezielter warnen könnte.

Zwischen Präzision und Grenzen

Bei aller Faszination für die Technik lohnt der nüchterne Blick. Simulationen sind nur so gut wie die Daten, die in sie einfließen – Geländemodelle, Kanaldaten, Versiegelungsgrade. Wo diese lückenhaft sind, bleibt auch die Karte ungenau. Fachleute weisen zudem darauf hin, dass Hinweiskarten keine grundstücksscharfe Garantie liefern, sondern Wahrscheinlichkeiten abbilden. Und die beste Karte nützt wenig, wenn auf sie keine Maßnahmen folgen: Rückstauklappen, entsiegelte Flächen, Notwasserwege, ein Alarmplan.

Damit verschiebt sich die Vorsorge auf mehreren Ebenen zugleich. Die Modellierung ist Sache von Ingenieurbüros und Forschung, die Bereitstellung Aufgabe von Ländern und Kommunen, die Umsetzung liegt am Ende bei Eigentümern und Bauämtern. Die digitale Gefahrenkarte ist in dieser Kette kein Allheilmittel, aber ein verbindendes Element: Sie übersetzt ein diffuses Klimarisiko in konkrete Orte, über die man sprechen und für die man planen kann.

Dass Städte sich zunehmend digital gegen Starkregen wappnen, ist damit weniger eine Geschichte über spektakuläre Software als über eine veränderte Haltung. Wo Extremwetter zur wiederkehrenden Größe wird, reicht es nicht mehr, nach dem Ereignis aufzuräumen. Die Karte, die vor der Sturzflut warnt, ist der Versuch, dem Wasser einen Schritt voraus zu sein – im Wissen, dass sie das Risiko sichtbar macht, aber nicht abschafft.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines aktuellen Branchen- und Forschungstrends und ersetzt keine fachliche Beratung im Hochwasserschutz.