Wenn die Babyboomer gehen: Warum die IT-Führung zur Engpassfrage wird
Bis 2036 könnten Deutschland Millionen Arbeitskräfte fehlen. Besonders heikel wird die Lage dort, wo erfahrene Führungskräfte in der IT in den Ruhestand gehen – und kaum Nachwuchs nachrückt.
Eine Lücke, die größer ausfällt als gedacht
Der Fachkräftemangel ist in Deutschland längst ein Dauerthema – doch die Größenordnung verschiebt sich. Nach einer Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) könnten dem deutschen Arbeitsmarkt bis 2036 rund 4,3 Millionen Arbeitskräfte fehlen, sobald die geburtenstarken Jahrgänge vollständig in den Ruhestand gewechselt sind. Zwei Jahre zuvor hatte das Institut die Lücke noch auf etwa drei Millionen geschätzt; die nach oben korrigierte Zahl beruht auf einer aktualisierten Bevölkerungsvorausberechnung mit neueren Daten des Statistischen Bundesamts. In den kommenden Jahren gehen demnach rund 14 Millionen Menschen in Rente, während zu wenige Jüngere nachrücken – allein 2036 erreichen laut IW nur etwa 9,8 Millionen Menschen das Erwerbsalter.
Diese Zahlen treffen nicht alle Branchen gleich. Besonders sichtbar wird der Engpass dort, wo Wissen über Jahre aufgebaut wurde und sich nicht beliebig schnell ersetzen lässt. Die Informationstechnologie gehört dazu – und innerhalb der IT trifft es zunehmend eine Ebene, die in der öffentlichen Debatte oft übersehen wird: die Führung.
Warum gerade die Führungsebene knapp wird
Über den Mangel an Programmiererinnen, Administratoren oder Sicherheitsfachleuten wird viel gesprochen. Weniger Beachtung findet, dass auch die Menschen knapp werden, die solche Teams aufbauen, steuern und zusammenhalten. IT-Führung verlangt eine Mischung, die selten ist: technisches Verständnis, das tief genug reicht, um Entscheidungen beurteilen zu können, kombiniert mit Erfahrung in Personalführung, Budgetverantwortung und der Übersetzung zwischen Technik und Geschäftsleitung. Diese Kompetenzen entstehen typischerweise über viele Berufsjahre – also genau bei jenen Jahrgängen, die nun nach und nach ausscheiden.
Verschärft wird die Lage dadurch, dass die Anforderungen parallel steigen. Cloud-Migration, Cybersicherheit, Datenschutz und der Einsatz künstlicher Intelligenz haben die Verantwortung von IT-Verantwortlichen in den vergangenen Jahren ausgeweitet. Wer heute eine IT-Abteilung leitet, muss strategische, regulatorische und technische Fragen zugleich beantworten. Der Kreis der Menschen, die das leisten können und wollen, wächst nicht im gleichen Tempo, in dem die erfahrenen Kräfte den Arbeitsmarkt verlassen.
Der Mittelstand spürt es zuerst
Während große Konzerne mit Markennamen, Gehältern und Entwicklungsperspektiven um Talente konkurrieren, steht der Mittelstand im Nachteil – obwohl gerade dort IT-Führung oft besonders breit angelegt ist. In kleineren Unternehmen verantwortet eine einzelne Person nicht selten die gesamte Infrastruktur, die Sicherheit und die Digitalisierungsstrategie. Fällt diese Schlüsselperson aus oder geht sie in Rente, entsteht eine Lücke, die sich nur schwer schließen lässt. Personaldienstleister, die auf die Vermittlung solcher Profile spezialisiert sind, verweisen seit Längerem auf diese Konzentration von Verantwortung als Risikofaktor.
Hinzu kommt der Standortnachteil. Viele mittelständische Betriebe sitzen abseits der großen Ballungsräume, in denen IT-Fachkräfte traditionell gesucht und gefunden werden. Ortsgebundenheit und der Wunsch nach Präsenz im Betrieb können den ohnehin kleinen Bewerberkreis weiter verengen.
Welche Stellschrauben bleiben
Patentlösungen gibt es nicht, aber mehrere Ansätze werden diskutiert. Das IW selbst betont, dass mehr Menschen in Deutschland arbeiten müssten – insbesondere durch eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen – und dass die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte erleichtert werden sollte. Auf Unternehmensebene rücken andere Hebel in den Vordergrund: frühzeitige Nachfolgeplanung, damit Wissen nicht erst beim Ausscheiden einer Führungskraft verloren geht; gezielte Weiterbildung technischer Fachleute zu Führungsaufgaben; sowie flexible Modelle wie Interim-Management oder externe IT-Leitung auf Zeit, um akute Lücken zu überbrücken.
Auch künstliche Intelligenz wird in diesem Zusammenhang genannt – allerdings mit Vorsicht. Sie kann Routineaufgaben automatisieren und damit Kapazitäten freisetzen, ersetzt aber keine Führungsentscheidungen. Wer auf Technik allein setzt, um Personalengpässe auszugleichen, dürfte den Kern des Problems verfehlen. Der demografische Wandel ist absehbar, seine Folgen für die IT-Führung sind es ebenso. Vorbereitung beginnt deshalb nicht erst, wenn die erste Schlüsselkraft den Schreibtisch räumt, sondern lange davor.
Dieser Beitrag ordnet eine aktuelle wirtschaftliche Entwicklung redaktionell ein und stellt keine personal- oder unternehmensbezogene Beratung dar. Die genannten Prognosezahlen stammen vom Institut der deutschen Wirtschaft.
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