News

Vom Einzelstück zur Serie: Wie das Lastenrad zum Inklusionsfahrzeug wird

Ein Stuttgarter Hersteller bietet sein Rollstuhlfahrrad künftig als Serienprodukt an. Der Schritt wirft ein Licht auf eine Nische des Lastenrad-Booms, in der es um mehr geht als um Kindertransport und Kistenschleppen: um Teilhabe.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Der Lastenrad-Boom hat in den vergangenen Jahren vor allem zwei Bilder geprägt: Eltern, die ihre Kinder zur Kita radeln, und Kurierdienste, die Pakete durch Innenstädte fahren. Eine dritte Anwendung bekommt deutlich weniger Aufmerksamkeit, obwohl sie für die Betroffenen womöglich den größten Unterschied macht: Lastenräder, die Menschen im Rollstuhl mitnehmen. Ein aktuelles Beispiel zeigt, dass diese Nische gerade erwachsen wird – die Stuttgarter Mäx & Mäleon GmbH bietet ihr Rollstuhlfahrrad „Rolli Bike" nach eigenen Angaben ab sofort als konfigurierbares Serienprodukt an, nachdem es jahrelang nur als individuelle Einzelanfertigung gebaut wurde.

Mitfahren im eigenen Rollstuhl

Das Konzept solcher Räder unterscheidet sich grundlegend von klassischen Reha-Dreirädern: Die Person muss nicht umgesetzt werden, sondern bleibt während der Fahrt im eigenen Rollstuhl sitzen, der auf der Ladefläche des dreirädrigen E-Lastenrads fixiert wird. Wer schon einmal erlebt hat, wie aufwendig und teils belastend das Umsetzen aus dem Rollstuhl sein kann – für die betroffene Person wie für Angehörige oder Pflegekräfte –, versteht, warum dieses Detail entscheidend ist. Laut Hersteller richtet sich das Angebot an Familien, Pflegedienste, Wohngruppen und Einrichtungen der Behindertenhilfe; eine gefederte Neigetechnik soll auch Fahrten auf Feldwegen und unebenem Untergrund ermöglichen, statt die gemeinsame Ausfahrt auf asphaltierte Runden zu beschränken.

Warum der Schritt zur Serie zählt

Dass ein Nischenfahrzeug vom Einzelbau in die Serienfertigung wechselt, ist mehr als eine Produktionsentscheidung. Einzelanfertigungen bedeuten lange Wartezeiten, schwer kalkulierbare Preise und Abhängigkeit von einer einzelnen Werkstatt. Ein Serienprodukt mit Listenpreis – der Hersteller nennt 9.650 Euro inklusive Mehrwertsteuer bei vier bis acht Wochen Lieferzeit – macht die Anschaffung planbar und vergleichbar. Bemerkenswert ist auch der Hinweis, dass das Rad über Dienstrad-Leasing bezogen werden kann und in jeder Fahrradwerkstatt reparierbar sein soll: Genau an solchen Alltagsfragen – Wartung, Ersatzteile, Finanzierung – scheitern Spezialfahrzeuge für Menschen mit Behinderung häufig in der Praxis.

Zugleich bleibt der Preis eine Hürde. Knapp zehntausend Euro sind für viele Familien viel Geld, und ob und in welchem Umfang Kostenträger sich an solchen Anschaffungen beteiligen, hängt vom Einzelfall ab. Dass der Hersteller neben Privatkunden ausdrücklich Pflegedienste und Einrichtungen anspricht, dürfte auch dieser Realität geschuldet sein – institutionelle Käufer können die Kosten auf viele Nutzerinnen und Nutzer verteilen.

Ein Markt sortiert sich

Rollstuhlfahrräder sind keine deutsche Erfindung; in den Niederlanden, wo Spezialräder aller Art seit Jahrzehnten zum Straßenbild gehören, gibt es entsprechende Modelle schon lange. Neu ist, dass der Trend nun auch hierzulande industrielle Züge annimmt. Der Hersteller aus Stuttgart baut nach eigenen Angaben ein ganzes Portfolio inklusiver Lastenräder auf einer gemeinsamen Plattform auf – vom Rad mit Sitzbank und Gurten bis zur Aufnahme für Rehabuggys. Diese Plattformstrategie, aus der Automobilindustrie vertraut, senkt Kosten und macht Varianten wirtschaftlich, die als Einzelprodukt nie eine Serienfertigung rechtfertigen würden.

Teilhabe als Mobilitätsfrage

Hinter der Produktmeldung steht eine größere Frage: Wie kommen Menschen, die nicht selbst Rad fahren können, in den Genuss der Fahrradinfrastruktur, die Städte derzeit ausbauen? Radwege, autofreie Zonen und Fahrradstraßen nützen zunächst denen, die in die Pedale treten. Fahrzeuge, die Rollstuhlnutzerinnen und -nutzer mitnehmen, erweitern diesen Kreis – vorausgesetzt, die Wege sind breit genug und die Bordsteine abgesenkt. Insofern ist die Serienfertigung solcher Räder auch ein Testfall dafür, wie ernst es Kommunen mit dem Anspruch meinen, Verkehrswende und Barrierefreiheit zusammenzudenken.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Unternehmensmitteilungen. Preis- und Produktangaben stammen vom Hersteller.

Mehr zum Thema

  • Sechs Tiger vom Industriegelände: Was ein Fall aus Sachsen über den Flickenteppich der Exotenhaltung verrät
  • Briefe statt Push-Nachrichten: Ein Festival in Cottbus bekommt seine eigene Post
  • Wolle, Webstuhl, Warenlager: Warum eine Allgäuer Schäfereigenossenschaft ihre Türen öffnet
  • Spieltische raus, Teller rein: Was die Ausschreibung im Norderneyer Conversationshaus über den Wandel der Seebäder verrät
  • Museum ohne Eintrittskarte: Warum das Kunstmuseum Wolfsburg jetzt einen „Dritten Ort" betreibt
  • Kabarett unter freiem Himmel: Warum Leipzigs Bühnen im Sommer nach draußen ziehen