Vier Hochschulen, ein Muster: Warum wenige Unis die Start-up-Landschaft prägen
Eine neue Auswertung von rund 51.000 Gründungen im deutschsprachigen Raum zeigt: Ein kleiner Kreis von Hochschulen bringt einen Großteil der wachstumsstarken Start-ups hervor. Interessant ist weniger die Rangliste selbst als die Frage, was diese Konzentration über das Gründungsland aussagt.
Wenn eine Hochschule meldet, sie sei die „gründungsstärkste“ ihrer Stadt oder Region, klingt das nach lokalem Standortmarketing. Dahinter steht in diesem Sommer allerdings eine breit angelegte Auswertung, die das Gründungsgeschehen im gesamten deutschsprachigen Raum vermisst – und ein Muster sichtbar macht, das für die Debatte um Innovation und Fachkräfte aufschlussreicher ist als jede einzelne Platzierung.
Was die Studie untersucht hat
Die als „Entrepreneurial Impact“ bezeichnete Untersuchung der Technischen Universität München wertet nach eigenen Angaben rund 51.000 Start-ups aus, die zwischen 2014 und 2024 in Deutschland, Österreich und der Schweiz gegründet wurden. Erfasst wurde unter anderem, an welcher Hochschule die Gründerinnen und Gründer studiert oder geforscht haben, wie viele Arbeitsplätze ihre Unternehmen geschaffen haben und wie viel Kapital in sie geflossen ist. Statt allein die Zahl der Gründungen zu zählen, versucht die Auswertung damit, deren wirtschaftliche Wirkung abzuschätzen.
An der Spitze steht laut Studie ein kleiner Kreis: die TU München, die private Wirtschaftshochschule WHU, die Universität St. Gallen und die ETH Zürich. Für die TU München weist die Auswertung rund 25.500 geschaffene Arbeitsplätze aus, für die übrigen Häuser Werte in ähnlicher Größenordnung. Schon dieser Befund deutet an, worum es geht: Nicht Hunderte Hochschulen teilen sich die gründungsstarke Elite, sondern eine Handvoll prägt sie überproportional.
Konzentration ist kein Zufall
Dass sich unternehmerischer Erfolg an wenigen Standorten ballt, hat mehrere Ursachen, die sich gegenseitig verstärken. Wo bereits erfolgreiche Ausgründungen existieren, finden Nachfolger leichter erfahrene Mitgründer, Kapitalgeber und erste Kunden. Gründungszentren, Beteiligungsfonds und Netzwerke ehemaliger Absolventen entstehen dort, wo sie sich rechnen – also dort, wo schon gegründet wird. Für Regionen ohne solche Ökosysteme ist das eine unbequeme Nachricht: Man kann Gründungskultur nicht allein per Programm verordnen, wenn das Umfeld fehlt.
Bemerkenswert ist ein zweiter Befund der Auswertung: Ein großer Teil der Gründungen erfolgt kurz nach dem Abschluss. Nach den Studiendaten machten sich fast 40 Prozent der erfassten Gründerinnen und Gründer innerhalb von zwei Jahren nach dem Studium selbstständig; im Schnitt vergingen einige Jahre bis zur Gründung. Das rückt die Hochschule selbst in den Blick – als Ort, an dem Teams, Ideen und der Mut zum Risiko zusammenkommen, bevor sich die Wege der Absolventen trennen.
Was die Zahlen nicht sagen
Bei aller Aussagekraft lohnt der nüchterne Blick auf die Grenzen solcher Ranglisten. Große technische und wirtschaftswissenschaftliche Hochschulen haben einen strukturellen Vorteil, weil ihre Fächer besonders häufig in kapitalintensive, schnell wachsende Gründungen münden. Eine Kunsthochschule oder eine kleine Fachhochschule kann für ihre Region prägend sein, ohne je in der Spitzengruppe einer solchen Auswertung aufzutauchen. „Impact“, gemessen in Arbeitsplätzen und Finanzierungssummen, erfasst nur einen Ausschnitt dessen, was Hochschulen wirtschaftlich und gesellschaftlich leisten.
Auch die Kausalität bleibt offen: Prägt die Hochschule die Gründer – oder ziehen gründungsaffine junge Menschen ohnehin an genau diese Häuser? Wahrscheinlich beides. Für die Bildungs- und Wirtschaftspolitik ist die interessantere Frage deshalb nicht, wer die Rangliste anführt, sondern wie sich der Abstand zum breiten Mittelfeld verringern lässt.
Warum das über die Fachpresse hinaus zählt
Für Studieninteressierte, Kommunen und Förderinstitutionen ist die Konzentration ein Signal. Sie zeigt, dass Gründungserfolg an handfesten Bedingungen hängt – an Kapital in Reichweite, an erfahrenen Netzwerken, an einer Kultur, in der Scheitern kein Karriereende ist. Wer Gründungen breiter streuen will, muss an diesen Bedingungen ansetzen, nicht an Appellen. Die Rangliste eines einzelnen Jahres verändert daran wenig. Das Muster dahinter, über zehn Jahre und drei Länder hinweg, umso mehr.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Studienangaben und ersetzt keine wissenschaftliche Primärquelle.