Viel Ambition, wenig Reife: Was das Einkaufsbarometer 2026 über KI im Einkauf des Mittelstands zeigt
Fast 95 Prozent der Einkäufer erwarten, dass KI ihre Rolle verändert – aber nur 6 Prozent halten den eigenen KI-Einsatz für ausgereift. Das Einkaufsbarometer Mittelstand 2026 zeigt, woran die Digitalisierung im Einkauf wirklich hakt.
Der Einkauf galt lange als Verwaltungsabteilung – Bestellungen auslösen, Rechnungen prüfen, Lieferanten anmahnen. Ausgerechnet hier soll nun Künstliche Intelligenz für den nächsten Produktivitätsschub sorgen. Wie weit mittelständische Einkaufsabteilungen damit tatsächlich sind, untersucht das „Einkaufsbarometer Mittelstand 2026", das der Beschaffungssoftware-Anbieter Onventis gemeinsam mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) und der ESB Business School bereits zum achten Mal erhoben hat. Das Ergebnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Die Erwartungen sind hoch, die Umsetzung hinkt deutlich hinterher.
Die Lücke zwischen Anspruch und Alltag
Laut der Studie erwarten 94,9 Prozent der befragten Einkäuferinnen und Einkäufer, dass sich ihre Rolle durch Automatisierung und KI verändern wird. Zugleich bezeichnen nur sechs Prozent den eigenen KI-Einsatz als ausgereift. Zwischen diesen beiden Zahlen liegt das eigentliche Thema der Erhebung: Der Mittelstand weiß, wohin die Reise geht – kommt aber im Tagesgeschäft kaum dazu, sie anzutreten.
Als größte Bremse nennen 64,8 Prozent der Befragten fehlende Zeit und Personal. Das ist bemerkenswert, weil es dem üblichen Narrativ widerspricht, wonach vor allem Budgets oder Technikskepsis die Digitalisierung aufhalten. Stattdessen zeigt sich ein Henne-Ei-Problem: Die Teams, die Automatisierung entlasten soll, sind zu ausgelastet, um sie einzuführen.
Wo es klemmt – und wo es schon funktioniert
Den größten Digitalisierungsbedarf sehen die Befragten mit 70,1 Prozent im Lieferantenmanagement – jenem Bereich, in dem Komplexität und Risiken zusammenlaufen, von Lieferkettenstörungen bis zu regulatorischen Pflichten. Dass gerade hier vielerorts noch Excel-Listen und E-Mail-Ketten dominieren, dürfte vielen Praktikern bekannt vorkommen.
Zugleich liefert die Studie einen Beleg dafür, dass sich der Aufwand lohnen kann: 76,5 Prozent der Unternehmen berichten von messbaren Zeitersparnissen durch bereits umgesetzte Automatisierung. Der Effekt zeigt sich demnach vor allem in stabilen, klar definierten Prozessen mit wenig manuellem Anteil – etwa bei Katalogbestellungen oder der Rechnungsverarbeitung. Die Reihenfolge scheint entscheidend: Erst die Routineprozesse sauber automatisieren, dann über anspruchsvollere KI-Anwendungen nachdenken.
Das eigentliche Nadelöhr: Kompetenzen
Die vielleicht wichtigste Zahl der Erhebung betrifft weder Software noch Budgets: 60,1 Prozent der Befragten verorten die größte Kompetenzlücke im Umgang mit Daten und mit den Ergebnissen von KI-Systemen. Viele Organisationen tun sich schwer, maschinell erzeugte Auswertungen richtig zu interpretieren und daraus belastbare Entscheidungen abzuleiten. Ein Sprachmodell, das Lieferantenrisiken zusammenfasst, nützt wenig, wenn niemand einschätzen kann, wie verlässlich die Zusammenfassung ist.
Für den Mittelstand heißt das: Die KI-Frage ist zunehmend eine Personalentwicklungsfrage. Wer nur Lizenzen kauft, aber nicht in Datenkompetenz investiert, verschiebt das Problem lediglich – von der fehlenden Software zur fehlenden Urteilsfähigkeit.
Einordnung
Bei Studien, die von Softwareanbietern mitherausgegeben werden, ist ein gesundes Maß an Skepsis angebracht – ein Beschaffungsplattform-Anbieter hat naturgemäß ein Interesse daran, Digitalisierungsbedarf zu diagnostizieren. Die Beteiligung von BME und ESB Business School sowie die mittlerweile achte Auflage sprechen allerdings für eine gewisse methodische Kontinuität. Und der Kernbefund deckt sich mit dem, was auch andere Erhebungen zur KI-Nutzung im Mittelstand zeigen: Nicht die Technologie ist der Engpass, sondern Zeit, Personal und Kompetenz. Das ist unspektakulärer als jede KI-Vision – aber vermutlich näher an der Realität deutscher Einkaufsabteilungen.
Redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Studienergebnisse; alle Zahlen laut Einkaufsbarometer Mittelstand 2026 von Onventis, BME und ESB Business School.
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