Teurer als der CO₂-Preis: Warum die Speicherung von Kohlendioxid an der Rechnung hängt
CO₂ abscheiden und unterirdisch speichern gilt als Klimabaustein für schwer vermeidbare Emissionen. Doch mit 150 bis 300 Euro je Tonne ist CCS teurer als der aktuelle CO₂-Preis – die Wirtschaftlichkeit hängt am Emissionshandel.
Die Abscheidung und unterirdische Speicherung von Kohlendioxid – im Fachjargon CCS für „Carbon Capture and Storage" – gilt vielen Industriepolitikern als unverzichtbarer Baustein, um schwer vermeidbare Emissionen etwa aus der Zement- oder Kalkproduktion doch noch aus der Atmosphäre herauszuhalten. Seit die Bundesregierung den rechtlichen Rahmen für CCS gelockert hat, planen Unternehmen und Forschungsinstitute konkrete Wertschöpfungsketten. Doch ein nüchterner Realitätscheck zeigt: Die Technik steht und fällt mit einer betriebswirtschaftlichen Größe, die mit Klimaschutz auf den ersten Blick wenig zu tun hat – dem Preis für CO₂-Zertifikate.
Was CCS wirklich kostet
Die Idee klingt einfach: Dort, wo CO₂ in großen Mengen entsteht, wird es abgeschieden, verflüssigt, per Pipeline oder Schiff transportiert und schließlich in tiefen geologischen Schichten – etwa unter der Nordsee – dauerhaft eingelagert. Jeder dieser Schritte kostet Geld. Aktuelle Analysen beziffern die Gesamtkosten je nach Wertschöpfungskette auf rund 150 bis 300 Euro pro Tonne CO₂. Mehrere Untersuchungen weisen zudem darauf hin, dass real geplante Projekte oft deutlich teurer ausfallen als frühere Modellrechnungen vermuten ließen – Aufschläge von 50 Prozent gegenüber älteren Prognosen sind keine Seltenheit.
Diese Spannbreite ist kein Zufall. Sie hängt davon ab, wie konzentriert das Abgas ist, wie weit der Weg zum Speicher reicht und wie viele Abnehmer sich eine teure Transportinfrastruktur teilen. Eine Anlage, die hochreines CO₂ direkt neben einem Hafen abscheidet, rechnet ganz anders als ein einzelner Standort im Binnenland, der eine eigene Logistikkette aufbauen muss.
Die Lücke zum Emissionshandel
Entscheidend für die Wirtschaftlichkeit ist der Vergleich mit der Alternative: Wer CO₂ ausstößt, muss im Europäischen Emissionshandel (ETS) Zertifikate kaufen. Solange diese billiger sind als das Abscheiden, lohnt sich CCS rein betriebswirtschaftlich nicht. Genau hier klafft derzeit eine Lücke. Der Zertifikatspreis im ETS bewegt sich aktuell in der Größenordnung von rund 85 Euro je Tonne – also deutlich unterhalb der CCS-Kosten. Für den nationalen Emissionshandel, der Brennstoffe in Verkehr und Gebäuden erfasst, wird für 2026 ein Preiskorridor in der Größenordnung von etwa 55 bis 65 Euro erwartet.
Solange diese Differenz besteht, bleibt das Einlagern für die meisten Betreiber teurer als das Bezahlen von Verschmutzungsrechten. Erst wenn der CO₂-Preis spürbar steigt – oder staatliche Förderung die Differenz überbrückt – verschiebt sich die Rechnung. Beobachter verweisen darauf, dass die Rentabilität von CCS-Projekten damit stark von der weiteren Entwicklung der Zertifikatspreise und vom regulatorischen Umfeld abhängt.
Warum trotzdem geplant wird
Dass viele Akteure dennoch in Vorleistung gehen, hat einen einfachen Grund: Eine CO₂-Infrastruktur entsteht nicht über Nacht. Pipelines, Speicher und Genehmigungsverfahren brauchen jahrelangen Vorlauf. Wer erst bauen will, wenn der Preis hoch genug ist, kommt zu spät. Die Branche argumentiert deshalb, dass ein früher Hochlauf der Infrastruktur nötig sei, damit CCS bereitsteht, sobald sich die Wirtschaftlichkeit einstellt. Gegner halten dem entgegen, dass jeder in Speicherung investierte Euro an anderer Stelle – etwa bei der Vermeidung von Emissionen – mehr Klimaschutz bewirken könnte.
Klar ist: CCS ist keine billige Notlösung, sondern eine teure Versicherung gegen Restemissionen, die sich technisch kaum vermeiden lassen. Ob sie sich rechnet, entscheidet weniger die Technik als die Politik – über den Preis, den sie dem Ausstoß von CO₂ langfristig zuweist.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines aktuellen Branchen- und Energiethemas und stellt keine Investitions- oder Energieberatung dar. Genannte Kosten- und Preisangaben sind Näherungswerte aus öffentlich zugänglichen Analysen und können sich kurzfristig ändern.
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