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Swipe-Müdigkeit als Geschäftsmodell: Warum Single-Events ohne App wieder boomen

Immer mehr Singles legen die Dating-Apps beiseite und suchen die Begegnung im echten Leben. Wanderungen, Kochabende und Speed-Dating-Formate erleben eine Renaissance – getragen von einer wachsenden Erschöpfung am digitalen Kennenlernen.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Rechts wischen, links wischen, ein kurzer Chat, der im Nichts verläuft – und am Ende des Abends bleibt das Gefühl, viel Zeit investiert und wenig erlebt zu haben. Was Millionen Menschen aus eigener Erfahrung kennen, hat inzwischen einen Namen: Dating-Fatigue, die Erschöpfung am digitalen Kennenlernen. Und sie bringt eine Gegenbewegung hervor, die auf den ersten Blick fast nostalgisch wirkt: organisierte Single-Events, bei denen sich Menschen beim Wandern, Kochen oder Spieleabend begegnen – ganz ohne Profilbild und Algorithmus.

Ein Markt mit vielen Alleinlebenden

Die Zielgruppe ist groß. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lebten 2024 rund 17 Millionen Menschen in Deutschland allein – gut jede fünfte Person. Einpersonenhaushalte machen inzwischen knapp 42 Prozent aller Haushalte aus, vor zwanzig Jahren waren es noch gut 36 Prozent. Nicht jeder Alleinlebende sucht eine Partnerschaft, doch der Trend zeigt: Das Potenzial für Kennenlern-Angebote jenseits der Apps wächst seit Jahren.

Gleichzeitig mehren sich die Anzeichen, dass die großen Dating-Plattformen ihren Zenit bei der Nutzerzufriedenheit überschritten haben. Krankenkassen und Psychologen berichten von einem Phänomen, das teils als „Dating-Burnout" beschrieben wird: Viele Nutzerinnen und Nutzer empfinden die endlose Auswahl als belastend, erleben häufige Kontaktabbrüche als kränkend und legen immer öfter längere App-Pausen ein. In Befragungen geben mehrheitlich gerade jüngere Nutzer an, sich vom Online-Dating erschöpft zu fühlen.

Vom Hamsterrad zum Kochtopf

In diese Lücke stoßen regionale Veranstalter, die das Kennenlernen wieder an Aktivitäten koppeln. Das Prinzip: Statt sich anhand von Fotos zu bewerten, verbringen die Teilnehmenden gemeinsam Zeit – bei einer Wanderung, einem Kochabend, einer Weinprobe oder beim klassischen Speed-Dating. Ein aktuelles Beispiel liefert eine Pressemitteilung eines Anbieters aus Baden-Württemberg, der nach eigenen Angaben Single-Formate zwischen Ulm und Karlsruhe organisiert und dabei bewusst auf App-Mechanismen verzichtet. Ähnliche Initiativen gibt es inzwischen in vielen Regionen, von Großstädten bis in den ländlichen Raum.

Der Charme solcher Formate liegt für viele Teilnehmende darin, dass die Begegnung einen Rahmen hat. Wer gemeinsam kocht oder wandert, hat automatisch Gesprächsstoff – und erlebt sein Gegenüber in einer Alltagssituation statt in einer inszenierten Selbstdarstellung. Auch das Tempo ist ein anderes: Unter dem Schlagwort „Slow Dating" beschreiben Branchenbeobachter seit einiger Zeit den Wunsch vieler Singles, sich Zeit zu nehmen, statt in Serie zu daten.

Kein Entweder-oder

Dass die Apps deswegen verschwinden, ist allerdings nicht zu erwarten. Für viele bleiben sie das effizienteste Werkzeug, um überhaupt in Kontakt zu kommen – gerade in Regionen mit wenig Veranstaltungsangebot oder für Menschen mit engen Zeitfenstern. Auffällig ist eher eine Parallelnutzung: Wer online sucht, ergänzt das zunehmend um reale Formate. Selbst die Plattformen reagieren und experimentieren mit eigenen Event-Reihen oder Funktionen, die schnellere reale Treffen fördern sollen.

Für die Veranstalter vor Ort ist das eine wirtschaftliche Chance mit überschaubarem Risiko: Die Formate sind lokal, brauchen keine teure Technik und leben von Mundpropaganda. Ob daraus ein dauerhaft tragfähiger Markt wird, hängt davon ab, ob es gelingt, regelmäßig ausgewogene Gruppen zusammenzubringen – die Achillesferse fast aller Offline-Kennenlernformate.

Einordnung

Der Boom der Single-Events ist weniger eine Absage an die Digitalisierung als eine Korrektur ihrer Übertreibungen. Das Bedürfnis, Menschen ohne Filter und Optimierungsdruck zu begegnen, war nie weg – es wird nur wieder sichtbarer. Dass daraus lokale Kleinunternehmen entstehen, die Wanderwege und Kochtöpfe zur Kennenlern-Infrastruktur machen, ist eine der freundlicheren Pointen des digitalen Zeitalters.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines aktuellen Branchentrends auf Basis öffentlich zugänglicher Quellen, u.a. einer Pressemitteilung auf openPR.de sowie Daten des Statistischen Bundesamts.

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