Stillstand nach dem Aufschwung: Warum die Debatte um Frauen in Führungsgremien gerade neu an Fahrt gewinnt
FidAR tritt dem Deutschen Frauenrat bei – ausgerechnet in einem Moment, in dem der Frauenanteil in DAX-Vorständen und Aufsichtsräten erstmals seit Jahren stagniert. Eine Einordnung.
Es ist eine Personalie der leisen Art, die dennoch aufhorchen lässt: Der Verein FidAR – Frauen in die Aufsichtsräte e. V. ist zum 1. Juli 2026 dem Deutschen Frauenrat beigetreten, dem Dachverband von rund 60 Frauenorganisationen in Deutschland. Was nach Verbandsroutine klingt, fällt in eine Phase, in der die Zahlen zur Gleichstellung in deutschen Chefetagen erstmals seit Jahren nicht mehr steigen.
Der Aufwärtstrend ist ins Stocken geraten
Jahrelang kannte die Kurve nur eine Richtung: Seit Einführung der gesetzlichen Geschlechterquote für Aufsichtsräte im Jahr 2015 stieg der Frauenanteil in den Kontrollgremien großer börsennotierter Unternehmen kontinuierlich. Doch aktuelle Erhebungen zeichnen ein anderes Bild. Nach dem Women-on-Board-Index, den FidAR regelmäßig erhebt, stagnierte der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der untersuchten Börsenunternehmen zu Jahresbeginn 2026 bei rund 37 Prozent.
In den Vorständen ist die Entwicklung noch verhaltener: Im DAX 40 lag der Frauenanteil Anfang 2026 bei rund 25,5 Prozent – ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr. Im MDax sank der Wert auf etwa 19,5 Prozent. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) konstatierte zuletzt, der Aufwärtstrend der vergangenen Jahre sei größtenteils zum Halt gekommen.
Was das Gesetz verlangt – und was nicht
Rechtlich gilt in Deutschland ein zweistufiges System. Für börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Unternehmen schreibt das Führungspositionengesetz eine feste Quote von mindestens 30 Prozent Frauen und 30 Prozent Männern im Aufsichtsrat vor; davon waren zuletzt gut 100 Unternehmen erfasst. Seit dem zweiten Führungspositionengesetz (FüPoG II) von 2021 gilt zudem ein Mindestbeteiligungsgebot für Vorstände: In Vorständen mit mehr als drei Mitgliedern muss mindestens eine Frau und mindestens ein Mann vertreten sein – das betrifft derzeit rund 65 Unternehmen.
Unterhalb dieser Schwellen bleibt es weitgehend bei Selbstverpflichtungen. Viele Unternehmen müssen sich lediglich Zielgrößen für den Frauenanteil setzen – und dürfen dabei auch die Zielgröße null angeben, sofern sie das begründen. Kritiker sehen darin eine der zentralen Lücken des Regelwerks; Befürworter der geltenden Regelung verweisen darauf, dass Personalentscheidungen Sache der Eigentümer bleiben sollten und starre Quoten unterhalb der Konzernebene schwer praktikabel seien.
Warum der Beitritt zum Frauenrat mehr als Symbolik ist
Vor diesem Hintergrund ist der Schritt von FidAR strategisch zu lesen. Der Verein, der seit rund zwei Jahrzehnten für mehr Frauen in Aufsichtsräten, Vorständen und Führungspositionen wirbt, verschafft seinem Kernthema über den Dachverband Zugang zu einer breiteren gleichstellungspolitischen Bühne. Der Deutsche Frauenrat bündelt die Interessen seiner Mitgliedsverbände gegenüber Politik und Öffentlichkeit – Parität in Wirtschaftsgremien dürfte dort künftig hörbarer vertreten sein.
Zugleich zeigt die Entwicklung, dass die Debatte in eine neue Phase eintritt. Ging es in den 2010er-Jahren um die Frage, ob Quoten überhaupt wirken, lautet die Frage heute eher: Was kommt nach der Quote? Die gesetzlichen Vorgaben haben dort, wo sie greifen, messbar Wirkung entfaltet – die Aufsichtsräte der quotenpflichtigen Unternehmen liegen deutlich über den Werten nicht erfasster Firmen. Doch jenseits der Pflichtbereiche, insbesondere in Vorständen und im Management darunter, flacht die Dynamik ab.
Ausblick
Ob Stagnation eine Momentaufnahme bleibt oder sich verfestigt, dürfte sich in den kommenden Berichtsjahren zeigen. Klar ist: Mit dem Beitritt eines wirtschaftsnahen Akteurs wie FidAR zum größten frauenpolitischen Dachverband des Landes wird das Thema Führungsparität stärker dort verankert, wo politische Willensbildung stattfindet. Die Zahlen liefern den Anlass – die Debatte darüber, welche Instrumente angemessen sind, bleibt kontrovers.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Quellen, darunter Angaben von FidAR e. V., des Women-on-Board-Index und des DIW Berlin.
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