News

Mäzene mit Firmenwagen: Wie Unternehmerkreise klassische Orchester mitfinanzieren

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen erwirtschaftet zwei Drittel ihres Budgets selbst – auch dank eines Unternehmerkreises aus regionalen Firmen. Warum private Fördermodelle in der Orchesterlandschaft an Bedeutung gewinnen.

Von Anton · · 3 Min. Lesezeit

Wenn ein Caterer für Gemeinschaftsverpflegung einem Spitzenorchester beitritt, klingt das zunächst nach einer Randnotiz. Doch die Meldung, dass die Bremer Symporo GmbH laut Unternehmensangaben neues Mitglied im Unternehmerkreis der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen geworden ist, wirft ein Schlaglicht auf ein Finanzierungsmodell, das in der deutschen Orchesterlandschaft eine Ausnahme darstellt – und das angesichts knapper Kulturetats zunehmend als Blaupause diskutiert wird.

Ein Orchester als Unternehmen

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ist unter den deutschen Klangkörpern ein Sonderfall: Das Ensemble ist als gemeinnützige GmbH organisiert, deren Gesellschafter die Musikerinnen und Musiker selbst sind. Jedes Orchestermitglied trägt damit auch unternehmerische Mitverantwortung für den wirtschaftlichen Erfolg des Ganzen. Rund zwei Drittel seiner Einnahmen erwirtschaftet das Orchester nach eigenen Angaben selbst – vor allem über Konzerthonorare und Sponsoring. Öffentliche Mittel machen nur gut ein Viertel des Budgets aus. Zum Vergleich: Die meisten deutschen Orchester sind kommunale oder staatliche Einrichtungen, die überwiegend aus öffentlichen Haushalten finanziert werden. Für die Verbindung von Unternehmertum und Kultur wurde das Bremer Modell unter anderem mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet.

Was ein Unternehmerkreis leistet

In dieses Modell fügt sich der Unternehmerkreis ein: ein Zusammenschluss von Inhabern und Geschäftsführern, die das Orchester finanziell und ideell unterstützen. Solche Fördergremien sind mehr als Spendenclubs. Sie verschaffen dem Klangkörper planbare private Einnahmen, öffnen Netzwerke in die regionale Wirtschaft und schaffen Fürsprecher, wenn es um Säle, Projekte oder öffentliche Zuschüsse geht. Die Unternehmen wiederum verbinden ihren Namen mit einem kulturellen Aushängeschild der Region – ein Reputationsgewinn, der sich kaum über klassische Werbung einkaufen lässt.

Kulturfinanzierung unter Druck

Dass private Förderung an Bedeutung gewinnt, hat handfeste Gründe. Viele Kommunen stehen unter erheblichem Konsolidierungsdruck, und freiwillige Leistungen wie Kulturausgaben geraten dabei regelmäßig zuerst auf den Prüfstand. Orchester, Theater und Museen suchen deshalb seit Jahren nach zusätzlichen Standbeinen – von Freundeskreisen über Stiftungen bis zu strukturierten Unternehmenspartnerschaften. Der Unternehmerkreis ist gewissermaßen die institutionalisierte Form dieses Trends: Statt einzelner Sponsoringverträge entsteht eine dauerhafte Gemeinschaft von Förderern mit eigener Identität.

Chancen und Grenzen des Modells

Ganz ohne Spannungen ist das Modell nicht. Kritiker wenden ein, dass eine stärkere Abhängigkeit von privaten Geldgebern die künstlerische Programmfreiheit unter Druck setzen könnte und dass private Förderung öffentliche Verantwortung für Kultur nicht ersetzen dürfe – zumal sie konjunkturanfällig ist: Streicht ein Unternehmen in der Krise sein Engagement, fehlt das Geld unmittelbar. Befürworter halten dagegen, dass gerade die Bremer Erfahrung zeige, wie unternehmerische Eigenverantwortung und künstlerische Exzellenz einander verstärken können. Das Orchester gilt seit Jahren als eines der international renommiertesten deutschen Ensembles.

Für mittelständische Unternehmen abseits der Großkonzerne bietet das Modell jedenfalls eine niedrigschwellige Möglichkeit, Kulturförderung zu betreiben, ohne gleich als Großsponsor auftreten zu müssen. Und für die Kulturbetriebe gilt: Je breiter die Basis aus vielen mittelgroßen Förderern, desto geringer die Abhängigkeit vom einzelnen Geldgeber. Der Beitritt eines Verpflegungsunternehmens zu einem Weltklasse-Orchester ist insofern weniger kurios, als er klingt – er ist ein kleiner Baustein in einem Finanzierungsgeflecht, auf das die deutsche Kulturlandschaft künftig wohl noch stärker angewiesen sein wird.


Redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen, u.a. einer Pressemitteilung der Symporo GmbH sowie Angaben der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.

Mehr zum Thema

  • Wolle, die nichts mehr wert ist: Warum eine Allgäuer Genossenschaft trotzdem davon leben kann
  • Proteinhype im Kühlregal: Warum Skyr und Joghurt dem Handel gerade die Regale leerräumen
  • Teambuilding im ewigen Eis: Warum Firmen ihre Betriebsausflüge an immer ungewöhnlichere Orte verlegen
  • Wohnen hinter meterdicken Mauern: Warum Schlösser auf dem Immobilienmarkt oft günstiger wirken, als sie sind
  • Spieltische raus, Teller rein: Was die Ausschreibung im Norderneyer Conversationshaus über den Wandel der Seebäder verrät
  • Wolle, Webstuhl, Warenlager: Warum eine Allgäuer Schäfereigenossenschaft ihre Türen öffnet