Laufschuhe statt Skilift: Wie Bergregionen den Trailrunning-Boom für sich entdecken
Ultramarathons in den Bergen sind vom Nischensport zum Tourismusfaktor geworden. Ein Berglauf am türkischen Uludağ mit erwarteten 3.000 Startern aus 25 Ländern zeigt, wie Regionen abseits der Hauptsaison auf Laufschuhe setzen.
Skigebiete haben ein Sommerproblem: Wenn der Schnee schmilzt, stehen Lifte still und Hotelbetten leer. Immer mehr Bergregionen begegnen dem mit einem Sport, der lange als Nische galt und inzwischen Zehntausende bewegt – Trailrunning. Laufveranstaltungen über Bergpfade, oft in Marathon- oder Ultradistanz, sind zu einem festen Instrument des Destinationsmarketings geworden. Ein aktuelles Beispiel liefert die Türkei: Am Uludağ, dem Hausberg der Millionenstadt Bursa, findet vom 17. bis 19. Juli zum neunten Mal der Uludağ Premium Ultra Trail statt.
3.000 Starter aus 25 Ländern
Nach Angaben der Veranstalter beziehungsweise des türkischen Tourismusmarketings werden rund 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 25 Ländern erwartet, darunter auch Läufer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Gelaufen wird auf fünf Distanzen zwischen sechs und siebzig Kilometern; die längste Strecke führt in diesem Jahr erstmals bis auf den 2.543 Meter hohen Gipfel und summiert sich auf 3.600 Höhenmeter. Ein Kinderlauf gehört ebenfalls zum Programm – ein typisches Muster solcher Events, die längst nicht mehr nur Extremsportler, sondern ganze Familien ansprechen sollen.
Interessant ist die Standortlogik: Während viele Bergläufe mit langer Anreise in entlegene Täler verbunden sind, liegt der Uludağ rund zwei Autostunden von Istanbul und eine halbe Stunde vom Zentrum Bursas entfernt. Genau diese Kombination aus alpiner Kulisse und urbaner Erreichbarkeit gilt in der Branche als Erfolgsrezept – sie senkt die Schwelle für Hobbyläufer, die ein Rennwochenende mit einem Städtetrip verbinden wollen.
Vom Nischensport zum Wirtschaftsfaktor
Das Kalkül dahinter ist überall ähnlich, ob in Chamonix, Kappadokien oder am Gardasee: Ein Trail-Event bringt in einem einzigen Wochenende tausende Übernachtungsgäste in eine Region – Läufer reisen selten allein und häufig einige Tage früher an. Zugleich produzieren die Rennen Bilder von Gipfelgraten und Bergseen, die sich für die Vermarktung der Destination weiterverwenden lassen. Der Uludağ, im Winter eines der bekanntesten Skigebiete der Türkei, gewinnt so eine zweite Saison im Sommer.
Bursa selbst setzt dabei auf sein kulturelles Umfeld: Die Strecken passieren unter anderem das UNESCO-Welterbedorf Cumalıkızık, die Stadt war einst erste Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Solche Verknüpfungen von Sport, Natur und Kulturerbe sind kein Zufall, sondern gezielte Positionierung – der Lauf wird zum Schaufenster für die gesamte Region.
Die Kehrseite: sensible Bergnatur
Ganz spannungsfrei ist der Boom nicht. Der Uludağ zählt laut den Veranstalterangaben zu den artenreichsten Gebieten der Türkei, mit knapp 800 Pflanzenarten, darunter über 100 endemische. Genau solche Räume geraten unter Druck, wenn an einem Wochenende tausende Menschen über schmale Pfade laufen. Große Trail-Veranstaltungen reagieren darauf inzwischen mit Teilnehmerlimits, markierten Korridoren und Müllkonzepten; einige Rennen lassen sich ihre Nachhaltigkeit zertifizieren. Wie gut das im Einzelfall funktioniert, lässt sich von außen schwer beurteilen – der Zielkonflikt zwischen Naturerlebnis als Verkaufsargument und Naturbelastung durch den Betrieb bleibt der wunde Punkt des Formats.
Für die Regionen dürfte die Rechnung dennoch meist aufgehen. Trailrunning wächst seit Jahren, die Ausrüstungsindustrie investiert kräftig, und die Läuferschaft wird breiter: Kurzdistanzen ab sechs Kilometern, wie sie auch am Uludağ angeboten werden, öffnen den Sport für Einsteiger. Wer verstehen will, wie sich Bergtourismus jenseits von Seilbahn und Après-Ski neu erfindet, findet in solchen Laufwochenenden ein aufschlussreiches Anschauungsobjekt.
Redaktionelle Einordnung auf Basis einer Pressemitteilung von GoTürkiye (veröffentlicht auf openPR.de). Teilnehmerzahlen und Angaben zur Strecke beruhen auf Veranstalterangaben.
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