Labor mit Ablaufdatum: Warum Forschungsbauten heute für den Umbau geplant werden
Die Max-Planck-Gesellschaft plant in Martinsried ihren bislang größten Neubau – und steht dabei vor einer Frage, die die gesamte Forschungsarchitektur umtreibt: Wie baut man Labore für eine Wissenschaft, deren Methoden sich alle paar Jahre ändern?
Im oberbayerischen Martinsried, am Rand von München, entsteht in den kommenden Jahren einer der größten Forschungsstandorte Deutschlands neu. Die Max-Planck-Gesellschaft treibt dort nach eigenen Angaben ihr bislang größtes Bauprojekt voran; den Zuschlag für die Planung erhielt laut der Ankündigung ein Stuttgarter Architekturbüro, dessen Entwurf eine Jury aus internen und externen Fachleuten in einem zweiphasigen Wettbewerb ausgewählt hat. Die Jurysitzungen fanden 2025 statt. So weit die Nachricht – interessanter ist die Aufgabe dahinter, denn sie steht stellvertretend für einen tiefgreifenden Wandel im Bau von Forschungsgebäuden.
Wenn das Gebäude langsamer altert als die Wissenschaft
Ein Laborgebäude hat eine bauliche Lebensdauer von mehreren Jahrzehnten. Die Wissenschaft, die darin stattfindet, verändert sich sehr viel schneller. Was heute ein Speziallabor für ein bestimmtes Verfahren ist, kann in zehn Jahren überflüssig oder zu klein sein, weil neue Geräte, neue Sicherheitsanforderungen oder ganz neue Forschungsfelder entstanden sind. Genau daraus ergibt sich das zentrale Dilemma des Forschungsbaus: Ein Gebäude, das exakt auf die Bedürfnisse von heute zugeschnitten ist, ist morgen womöglich ein teurer Sanierungsfall.
Die Antwort der Planerinnen und Planer heißt Flexibilität. Moderne Forschungsbauten werden zunehmend so entworfen, dass sich Innenräume mit vertretbarem Aufwand umbauen lassen: großzügige Raster, verlegbare Wände, Versorgungsschächte für Strom, Daten, Gase und Lüftung, die spätere Umnutzungen erlauben. Das Ideal ist ein Gebäude, das nicht für ein Institut gebaut wird, sondern für eine unbekannte Abfolge von Instituten – ein Rohbau des Möglichen.
Nähe als Konstruktionsprinzip
Neben der Wandelbarkeit hat sich ein zweites Leitmotiv durchgesetzt: Interdisziplinarität. Große Durchbrüche entstehen heute oft an den Rändern der Fächer, dort, wo Biologie auf Informatik trifft oder Chemie auf Physik. Campus-Planungen versuchen deshalb, Begegnung baulich zu erzwingen – durch gemeinsame Foyers, zentrale Kantinen, offene Treppenhäuser und geteilte Geräteflächen. Die Hoffnung ist, dass Menschen, die sich im Alltag über den Weg laufen, auch fachlich eher zusammenfinden. Ob sich Kreativität auf diese Weise tatsächlich planen lässt, ist unter Fachleuten umstritten; als Entwurfsprinzip prägt der Gedanke die aktuellen Projekte dennoch stark.
Hinzu kommt der wachsende Druck der Nachhaltigkeit. Forschungsgebäude gehören wegen ihrer Lüftungs-, Kühl- und Sicherheitstechnik zu den energieintensivsten Bauten überhaupt. Labore mit hohem Luftwechsel verbrauchen ein Vielfaches eines gewöhnlichen Bürogebäudes. Neue Standorte müssen daher zeigen, dass sie Energiebedarf, Wärmerückgewinnung und Baustoffe im Griff haben – nicht zuletzt, weil öffentlich finanzierte Wissenschaft ihre Klimabilanz zunehmend rechtfertigen muss.
Ein Bau, der Standortpolitik ist
Projekte in dieser Größenordnung sind mehr als Architektur. Ein erneuerter Spitzenstandort soll internationale Forschende anziehen, Ausgründungen ermöglichen und eine ganze Region als Wissenschaftscluster stärken. In Martinsried etwa siedeln sich seit Jahren Biotech-Unternehmen im Umfeld der Institute an; der Neubau ist damit auch ein Signal an die umliegende Gründerszene und an die Politik, die über Anbindung, Wohnraum und Infrastruktur mitentscheidet.
Zugleich sind solche Vorhaben langwierig und teuer. Zwischen Wettbewerb, Planung und Fertigstellung liegen in der Regel viele Jahre, in denen sich sowohl die Baukosten als auch die wissenschaftlichen Prioritäten verschieben können. Der zweiphasige Wettbewerb, wie er in Martinsried durchgeführt wurde, soll dieses Risiko verringern: Erst wird eine grobe städtebauliche Idee gesucht, dann im zweiten Schritt der konkrete Entwurf verfeinert. Das kostet Zeit, senkt aber die Gefahr teurer Fehlentscheidungen.
Am Ende steht eine paradoxe Anforderung: Der beste Forschungsbau ist einer, der seine eigene Vorläufigkeit einkalkuliert – stabil genug, um Jahrzehnte zu halten, und offen genug, um immer wieder etwas anderes zu werden. Wie gut das gelingt, wird sich in Martinsried erst zeigen, wenn die ersten Institute einziehen und der Umbau, für den geplant wurde, tatsächlich beginnt.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchentrends. Angaben zu Wettbewerb und Planung beruhen auf öffentlich zugänglichen Quellen und Mitteilungen.