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Hüpfekästchen statt Leerstand: Wie Kinder die Innenstadt zurückerobern sollen

Wolfsburg lässt Kinder Hüpf- und Bodenspiele für die Fußgängerzone entwerfen – und steht damit für einen Trend: Die "bespielbare Stadt" soll Innenstädte beleben, in denen der Handel allein nicht mehr zieht.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Kreidebunte Felder auf dem Pflaster, Zahlenschlangen zwischen Ladenzeilen, Balancierlinien vor dem Kaufhaus: In Wolfsburg dürfen Kinder in diesem Sommer wieder mitbestimmen, wie ihre Innenstadt aussieht. Die Wolfsburg Wirtschaft und Marketing GmbH (WMG) hat nach eigenen Angaben die Gewinnerentwürfe einer Beteiligungsaktion geehrt, bei der Kinder Ideen für temporäre Hüpf- und Bodenspiele in der Fußgängerzone einreichen konnten. Was auf den ersten Blick wie eine nette Ferienaktion wirkt, steht für einen größeren Trend in der deutschen Stadtentwicklung: die sogenannte bespielbare Stadt.

Vom Spielplatz zur Spielfläche überall

Jahrzehntelang galt in der Stadtplanung eine klare Arbeitsteilung: Gespielt wird auf dem Spielplatz, eingekauft in der Fußgängerzone. Diese Trennung bröckelt. Immer mehr Kommunen experimentieren damit, Spiel- und Bewegungselemente direkt in den öffentlichen Raum zu integrieren – nicht als eingezäunte Sonderzone, sondern als selbstverständlichen Teil der Innenstadt. In Kassel haben Kinder und Jugendliche gemeinsam mit Fachleuten ein Konzept für eine bespielbare Innenstadt entwickelt; an mehreren Orten können dort kostenlos Springseile, Wurfspiele oder Balanciersteine ausgeliehen werden. Mönchengladbach lässt Spielmöglichkeiten in der City von der wichtigsten Nutzergruppe gleich selbst mitentwickeln: den Kindern.

Warum Städte plötzlich auf Hüpfspiele setzen

Der Hintergrund ist ernster, als es die bunten Bodenbilder vermuten lassen. Deutsche Innenstädte kämpfen mit Leerstand, sinkenden Besucherzahlen und der Konkurrenz des Onlinehandels. Wer Menschen wieder in die Zentren locken will, muss mehr bieten als Einkaufsmöglichkeiten – Aufenthaltsqualität ist zum Schlüsselbegriff der Innenstadtdebatte geworden. Familien sind dabei eine besonders umworbene Zielgruppe: Wo Kinder gerne verweilen, bleiben auch Eltern länger. Temporäre Spielelemente sind für Kommunen zudem ein vergleichsweise günstiges Instrument. Anders als fest installierte Spielgeräte erfordern aufgemalte Hüpf- und Bodenspiele weder aufwendige Genehmigungsverfahren noch hohe Investitionen – und lassen sich nach einer Saison anpassen oder erneuern.

Beteiligung als Prinzip, nicht als Deko

Bemerkenswert am Wolfsburger Modell ist weniger die Spielfläche selbst als der Weg dorthin. Dass Kinder ihre Entwürfe einreichen und eine Jury die Gewinnerideen prämiert, folgt einem Gedanken, der in der Stadtentwicklungspolitik zunehmend Gewicht bekommt: Beteiligung von Kindern und Jugendlichen soll kein symbolisches Beiwerk sein, sondern echte Gestaltungsmacht bedeuten. Die Nationale Stadtentwicklungspolitik von Bund und Ländern widmet der Entwicklung von Innenstädten mit Kindern und Jugendlichen eigene Projekte. Die Logik dahinter: Wer früh erlebt, dass die eigene Idee tatsächlich auf dem Marktplatz landet, entwickelt eine andere Bindung an seine Stadt – und vielleicht auch ein früheres Verständnis dafür, dass öffentlicher Raum verhandelbar ist.

Grenzen des Konzepts

Kritiker wenden ein, dass aufgemalte Spiele allein keine Innenstadt retten. Wenn Läden schließen und Angebote fehlen, ändert auch das schönste Hüpfekästchen wenig an den strukturellen Problemen. Zudem sind temporäre Aktionen naturgemäß flüchtig: Was im Sommer für Leben sorgt, ist im Herbst wieder verschwunden. Städte wie Griesheim in Hessen, das als Pionier der bespielbaren Stadt gilt, setzen deshalb auf dauerhaft installierte Spielpunkte entlang der Schulwege. Der Charme der temporären Variante liegt dafür im geringen Risiko – Kommunen können ausprobieren, was angenommen wird, bevor sie dauerhaft investieren.

Ein kleines Signal mit Symbolwert

Ob in Wolfsburg, Kassel oder Mönchengladbach: Die Hüpfspiel-Aktionen zeigen, dass sich das Selbstverständnis der Innenstadt verschiebt. Aus dem reinen Konsumort soll ein Aufenthaltsort werden, der auch denen etwas bietet, die keine Kaufkraft mitbringen – Kindern zum Beispiel. Dass ausgerechnet Stadtmarketing-Gesellschaften wie die Wolfsburger WMG solche Aktionen vorantreiben, ist dabei kein Widerspruch, sondern folgerichtig: Belebung ist längst das härtere Geschäftsziel als der schnelle Umsatz.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen, unter anderem einer Pressemitteilung der WMG Wolfsburg Wirtschaft und Marketing GmbH.

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