Heilbronn schlägt Starnberg: Warum das teuerste Pflaster nicht das reichste ist
Ein neues Ranking kürt nicht München oder Starnberg zur kaufkraftstärksten Region Deutschlands, sondern Heilbronn. Der überraschende Sieger zeigt, wie sehr hohe Lebenshaltungskosten ein stattliches Einkommen aufzehren können.
Wenn es um die wohlhabendsten Regionen Deutschlands geht, fallen meist dieselben Namen: München, der Landkreis Starnberg, das Fünfseenland südlich der bayerischen Landeshauptstadt. Ein aktuelles Kaufkraft-Ranking rückt dieses Bild zurecht. An der Spitze steht nach einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) nicht Bayern, sondern der Raum Heilbronn – eine Region, die in solchen Vergleichen bislang selten ganz oben auftauchte. Der Grund für die Überraschung liegt weniger im Einkommen als in einer Größe, die gern übersehen wird: den Kosten des täglichen Lebens.
Wenn das Einkommen nicht alles verrät
Die Studie vergleicht laut IW rund 400 Kreise und kreisfreie Städte und stellt dabei nicht das nominale Einkommen in den Mittelpunkt, sondern die reale Kaufkraft – also das, was vom Geld nach Abzug regionaler Preisunterschiede tatsächlich übrig bleibt. Heilbronn führt das Ranking mit einem preisbereinigten Pro-Kopf-Einkommen von rund 39.400 Euro an (Datenstand 2023). Das ist bemerkenswert, denn beim reinen Einkommen liegt ein anderer Landkreis vorn: In Starnberg verdienen die Menschen mit im Schnitt etwa 44.500 Euro deutlich mehr. Nach Bereinigung um die örtlichen Preise schmilzt dieser Vorsprung jedoch zusammen – Starnberg landet nur auf Rang zwei.
Warum München nur auf Rang 68 steht
Noch deutlicher fällt der Effekt in der Landeshauptstadt aus. München erreicht im bundesweiten Vergleich der realen Kaufkraft laut IW nur Platz 68. Die Einkommen dort gehören zu den höchsten des Landes, doch Mieten, Immobilienpreise und allgemeine Lebenshaltungskosten liegen so weit über dem Bundesschnitt, dass am Ende weniger Kaufkraft übrig bleibt als in mancher unscheinbaren Provinz. Für Starnberg beziffern die Forscher das Preisniveau auf rund 14 Prozent über dem bundesweiten Durchschnitt – ein Aufschlag, der einen großen Teil des höheren Einkommens neutralisiert. Das teuerste Pflaster ist eben nicht automatisch das, auf dem man sich am meisten leisten kann.
Wie die Forscher rechnen
Möglich wird ein solcher Vergleich durch einen regionalen Preisindex, mit dem sich die Lebenshaltungskosten Kreis für Kreis abbilden lassen. Die Einkommen werden anschließend um dieses Preisniveau bereinigt, sodass ein Euro in einer teuren Großstadt und ein Euro in einer günstigen Landregion vergleichbar werden. Der größte Hebel sind dabei die Wohnkosten: Sie unterscheiden sich zwischen Ballungsräumen und ländlichen Kreisen stärker als fast jede andere Ausgabe und entscheiden damit maßgeblich über die Platzierung. Wo Mieten und Kaufpreise moderat bleiben, kann ein mittleres Einkommen weiter reichen als ein hohes in der Metropole.
Was die Zahlen aussagen – und was nicht
Für die politische Debatte ist das Ergebnis ein nützlicher Dämpfer gegen zu einfache Erzählungen. Wirtschaftskraft und Wohlstand vor Ort lassen sich nicht allein am Einkommen ablesen; wer über regionale Ungleichheit spricht, muss die Preise mitdenken. Zugleich sind die Werte mit Vorsicht zu lesen. Es handelt sich um preisbereinigte Durchschnitte pro Kopf – sie sagen nichts darüber aus, wie das Einkommen innerhalb einer Region verteilt ist, und auch eine kaufkraftstarke Gegend kann Menschen mit knappem Budget beherbergen. Zudem bildet die Rechnung den Stand von 2023 ab; steigende Mieten oder Einkommen können das Bild seither verschoben haben. Als Momentaufnahme aber macht das Ranking eine oft unterschätzte Wahrheit sichtbar: Reich ist nicht, wer am meisten verdient, sondern wer sich vom Verdienten am meisten leisten kann.
Redaktionelle Einordnung auf Basis einer aktuellen Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Die genannten Werte geben den Stand der zugrunde liegenden Studie wieder.