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Handy in die Tasche: Warum Festivals den Offline-Modus wiederentdecken

Verschlossene Smartphone-Beutel, analoge Fan-Netzwerke, handyfreie Konzerte: Auf deutschen Festivals wächst eine Gegenbewegung zur Dauervernetzung. Was steckt hinter dem Trend?

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Es ist ein vertrautes Bild geworden: Sobald auf der Bühne das erste Lied beginnt, hebt sich ein Wald aus leuchtenden Bildschirmen. Der Moment wird gefilmt, statt erlebt. Doch ausgerechnet die Veranstaltungsbranche, die jahrelang vom geteilten Online-Moment lebte, entdeckt gerade das Gegenteil: das bewusste Abschalten. Auf einer wachsenden Zahl von Festivals und Konzerten wandert das Smartphone vor dem Einlass in einen verschlossenen Beutel oder bleibt zumindest in handyfreien Zonen außen vor.

Vom Massenphänomen zum Reizthema

Der Hintergrund ist eine Erschöpfung, die viele Menschen teilen. Erwachsene in Deutschland verbringen im Schnitt deutlich mehr als sieben Stunden täglich online. Parallel dazu wächst der Wunsch nach Pausen: Laut einer im Branchenumfeld zitierten Erhebung planten zuletzt rund 36 Prozent der Deutschen eine bewusste digitale Auszeit von mindestens einer Woche – 2021 waren es noch etwa 9 Prozent. Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu lesen, weil Absichtsbekundungen und tatsächliches Verhalten auseinanderfallen. Doch die Richtung ist eindeutig: Der Gegendruck zur permanenten Erreichbarkeit nimmt zu.

Festivals sind dafür ein dankbarer Schauplatz. Sie versprechen ohnehin den Ausnahmezustand, das Heraustreten aus dem Alltag. Wenn jeder zweite Besucher den Höhepunkt eines Konzerts hinter seinem hochgehaltenen Telefon erlebt, gerät genau dieses Versprechen unter Druck. Künstlerinnen und Künstler beklagen seit Jahren, dass sie statt in Gesichter in Kameralinsen blicken. Aus dieser Spannung ist ein eigenes Format entstanden.

Wie handyfreie Konzepte funktionieren

Das gängigste Modell stammt aus dem Konzertbetrieb: Beim Einlass wird das Smartphone in einer verschließbaren Tasche gesichert, die der Gast selbst behält, aber während der Veranstaltung nicht öffnen kann. Wer telefonieren oder fotografieren möchte, verlässt dafür den Saal und lässt die Tasche an einer Station entriegeln. Das Gerät bleibt also beim Besitzer – der Zugriff darauf ist nur zeitweise gesperrt. Anbieter solcher Lösungen werben damit, dass die Musik wieder in den Vordergrund rücke und Publikum wie Künstler unmittelbarer miteinander in Kontakt kämen.

Daneben entstehen kreativere Varianten. Bei einem Festival in Brandenburg etwa wurde nach Angaben des Veranstalters gemeinsam mit der Deutschen Post ein analoges Fan-Netzwerk eingeführt: Besucher hinterlassen sich Nachrichten auf Papier statt über Messenger. Ob solche Ideen mehr sind als ein sympathischer Marketing-Einfall, wird sich zeigen. Als Signal taugen sie allemal – sie zeigen, dass das Analoge inzwischen als Erlebniswert verkauft werden kann, nicht als Mangel.

Mehr als Nostalgie

Der Festival-Trend ist Teil einer größeren Bewegung, die unter Schlagworten wie „Analog Wellness“ läuft. Vinylplatten, Filmkameras, Strick- und Töpferkreise, Lauf- und Kochgruppen erleben Zulauf – überall dort, wo eine Tätigkeit volle Aufmerksamkeit verlangt und nicht nebenbei am Bildschirm erledigt werden kann. Fachleute verweisen darauf, dass schon kurze Phasen ohne Smartphone Stress senken und den Schlaf verbessern können. Belastbare Langzeitstudien speziell zu handyfreien Veranstaltungen fehlen allerdings; vieles beruht bislang auf Selbstauskünften der Teilnehmenden.

Auch praktische Einwände bleiben. Smartphones sind auf Großveranstaltungen längst Eintrittskarte, Bezahlmittel und Notfallkontakt zugleich. Ein vollständiger Verzicht ist damit kaum durchsetzbar, weshalb die meisten Konzepte auf zeitweise Sperrung oder abgegrenzte Zonen setzen statt auf ein Totalverbot. Und nicht jeder erlebt den erzwungenen Offline-Modus als Befreiung – für manche ist das Dokumentieren Teil des Vergnügens.

Ein Trend mit Ansage

Bemerkenswert ist weniger die einzelne Tasche am Einlass als die Verschiebung dahinter: Das Abschalten ist vom unfreiwilligen Zustand zum bewusst gebuchten Erlebnis geworden. Wo früher schlechter Empfang als Manko galt, wird die Funkstille heute als Feature beworben. Ob daraus ein dauerhafter Standard wird oder eine Modeerscheinung bleibt, hängt davon ab, ob Besucher die Erfahrung als Gewinn empfinden. Die Nachfrage nach Auszeiten spricht dafür, dass der Offline-Moment auf der Bühne so schnell nicht wieder verschwindet.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchentrends und keine Empfehlung für einen einzelnen Anbieter. Genannte Zahlen geben den Stand zitierter Erhebungen wieder.

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