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Frühlingsgefühle im Fledermausquartier: Warum die Paarungszeit länger dauern könnte als gedacht

Fledermäuse paaren sich im Herbst – so das Lehrbuch. Untersuchungen der Universität Greifswald an hunderten Tieren deuten aber darauf hin, dass es auch nach dem Winterschlaf noch zu Paarungen kommen kann. Was das für den Artenschutz bedeutet.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Dass Fledermäuse im Herbst ihre Paarungszeit haben, gilt in der Biologie fast als Lehrbuchwissen. Bevor die Tiere in den Winterschlaf gehen, kommt es zu den entscheidenden Begegnungen; die eigentliche Entwicklung des Nachwuchses wird biologisch aufgeschoben. Doch neuere Beobachtungen legen nahe, dass dieses Bild zu einfach sein könnte. Nach Angaben der Universität Greifswald deuten Untersuchungen an heimischen Fledermäusen darauf hin, dass es auch nach dem Winterschlaf im Frühjahr noch zu Paarungen kommen kann – ein Detail, das für den Artenschutz durchaus Bedeutung hat.

Hunderte Tiere an mehreren Standorten

Grundlage sind Untersuchungen an mehreren hundert Tieren an vier Standorten im Nordosten Deutschlands, unter anderem bei Havelberg in Sachsen-Anhalt, bei Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern sowie an zwei Orten in Brandenburg. Solche Datenmengen sind bei Fledermäusen keine Selbstverständlichkeit: Die Tiere sind nachtaktiv, klein und stehen unter strengem Schutz, weshalb sich Verhalten und Fortpflanzung nur schwer direkt beobachten lassen. Umso mehr Gewicht bekommen körperliche Anhaltspunkte, die Fachleute bei der schonenden Untersuchung der Tiere erheben können.

Was die Körpermerkmale verraten

Ein zentraler Hinweis liefert der Fortpflanzungsapparat der Männchen. Deuten die Befunde nach dem Winterschlaf noch auf gespeicherte Spermien hin, spricht das dafür, dass die Paarungsbereitschaft nicht mit dem Herbst endet, sondern sich bis ins Frühjahr ziehen kann. Beim Abendsegler, einer der bekannteren heimischen Arten, gibt es Beobachtungen in diese Richtung. Damit fügt sich die Greifswalder Arbeit in eine Reihe von Studien ein, die zeigen: Die verbreitete Vorstellung einer klar auf den Herbst begrenzten Paarungszeit greift möglicherweise zu kurz.

Wichtig ist dabei die vorsichtige Formulierung. Es handelt sich um Hinweise und Indizien, nicht um den endgültigen Nachweis eines festen zweiten Paarungsfensters. Wie häufig Frühjahrspaarungen tatsächlich vorkommen, welche Arten betroffen sind und welche Rolle Witterung und Zustand der Tiere spielen, ist Gegenstand weiterer Forschung. Gerade das macht solche Untersuchungen spannend: Sie öffnen ein Fenster in ein Verhalten, das dem menschlichen Blick weitgehend verborgen bleibt.

Warum der Zeitpunkt der Paarung zählt

Für den Naturschutz ist die Frage mehr als eine akademische Fußnote. Wann sich Fledermäuse paaren, beeinflusst, wann sie besonders empfindlich auf Störungen reagieren und wann ihre Quartiere geschont werden müssen. Winterquartiere gelten ohnehin als sensibel: Jede Störung während des Winterschlafs kostet die Tiere wertvolle Energiereserven. Kommen im Frühjahr noch Paarungsaktivitäten hinzu, könnte das die Phasen erweitern, in denen ein besonders behutsamer Umgang mit Höhlen, Dachböden oder alten Bäumen geboten ist.

Hinzu kommt der Klimawandel als Unsicherheitsfaktor. Andere Forschungsarbeiten zeigen, dass sich die Dauer des Winterschlafs bei verschiedenen Arten verschiebt – bei einigen verlängert, bei anderen verkürzt er sich. Verändert sich der Rhythmus von Winterschlaf und Aktivität, könnten sich auch die Zeitfenster für die Fortpflanzung verschieben. Ein starres Kalenderdenken, das bestimmte Schutzmaßnahmen fest an Monate koppelt, dürfte solchen Verschiebungen nur bedingt gerecht werden.

Ein Plädoyer für genaues Hinsehen

Der eigentliche Wert solcher Studien liegt weniger in einer spektakulären Schlagzeile als in der Erinnerung daran, wie viel über selbst heimische Tierarten noch offen ist. Fledermäuse leben oft in unmittelbarer Nachbarschaft zum Menschen, in Kellern, hinter Fassaden oder in Parkbäumen, und bleiben doch schwer greifbar. Dass ausgerechnet ein scheinbar gut verstandenes Verhalten wie die Paarungszeit noch Überraschungen bereithält, zeigt, wie wichtig langfristiges Monitoring ist. Wer die Tiere schützen will, muss zunächst verstehen, wann sie besonders verletzlich sind – und dieses Verständnis wächst mit jeder sorgfältig ausgewerteten Beobachtung.


Redaktionelle Einordnung eines aktuellen Forschungsthemas. Die genannten Befunde geben den derzeitigen Kenntnisstand wieder und sind Gegenstand laufender wissenschaftlicher Untersuchung.

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