Erfunden in Mönchengladbach, gefeiert auf TikTok: Das stille Comeback von Pilates
Pilates boomt – in Studios, auf Social Media und im Buchhandel. Dabei ist die Methode über hundert Jahre alt und hat deutsche Wurzeln. Eine Einordnung des Trends.
Wer in diesen Wochen einen Platz im Pilates-Kurs sucht, braucht in vielen deutschen Städten Geduld: Reformer-Studios eröffnen in Innenstadtlagen, Kurse sind auf Wochen ausgebucht, und auf Social Media gehört „Pilates Girl" längst zum festen Ästhetik-Repertoire. Auch der Buchmarkt reagiert – gerade ist im Meyer & Meyer Verlag ein Übungsband erschienen, verfasst unter anderem von Stefanie Rahn, der Präsidentin des Deutschen Pilates Verbands. Die Neuerscheinung ist dabei weniger bemerkenswert als das, wofür sie steht: Eine über hundert Jahre alte Trainingsmethode erlebt gerade ihren vielleicht größten Popularitätsschub.
Ein Export aus dem Rheinland
Was viele nicht wissen: Pilates ist eine deutsche Erfindung. Joseph Hubertus Pilates wurde 1883 in Mönchengladbach geboren, wo heute eine Statue an ihn erinnert. Der kränkliche Junge stählte seinen Körper mit einem selbst entwickelten Mix aus Gymnastik, Yoga-Elementen und Krafttraining. Während des Ersten Weltkriegs internierte ihn Großbritannien als „feindlichen Ausländer" – in der Lagerhaft entwickelte er sein Übungssystem weiter, angeblich auch mit Hilfe von Bettfedern als Widerstandsgeräten, den Vorläufern des heutigen Reformer-Geräts. In den 1920er Jahren wanderte er nach New York aus, wo sein Studio schnell zur Anlaufstelle für Tänzer und Bühnenkünstler wurde. Von dort trat die Methode ihren Weg um die Welt an – und kehrt nun als globaler Fitnesstrend in ihr Herkunftsland zurück.
Warum gerade jetzt?
Der aktuelle Boom hat mehrere Treiber. Da ist zunächst der Zeitgeist: Nach Jahren, in denen hochintensives Intervalltraining und Leistungsoptimierung den Ton angaben, wächst das Interesse an ruhigeren, kontrollierten Trainingsformen – „Low Impact" ist zum Verkaufsargument geworden. Social Media verstärkt den Effekt, denn die konzentrierten, fließenden Bewegungen am Reformer sind ausgesprochen kameratauglich. Hinzu kommt eine alternde, aber aktive Bevölkerung, für die gelenkschonendes Training an Bedeutung gewinnt. Und schließlich hat die Fitnessbranche das Format für sich entdeckt: Boutique-Studios mit Reformer-Geräten gelten als margenstark, entsprechend schnell wachsen die Ketten.
Zwischen Anspruch und Hype
Fachleute wie der Deutsche Pilates Verband betonen seit Jahren, dass Pilates mehr ist als ein Lifestyle-Accessoire: ein systematisches Training für Rumpfmuskulatur, Haltung und Körperwahrnehmung, das in der Prävention und begleitend in der Rehabilitation eingesetzt wird. Genau hier liegt allerdings auch die Reibungsfläche des Booms. „Pilates-Trainer" ist keine geschützte Berufsbezeichnung, die Qualität von Kursen und Ausbildungen schwankt erheblich. Verbände versuchen, mit Zertifizierungen und Qualitätsstandards gegenzusteuern – ein Muster, das man aus anderen boomenden Bewegungsformen wie Yoga kennt. Für Einsteiger heißt das: Auf die Qualifikation der Trainerin oder des Trainers achten lohnt sich mehr als auf das Interieur des Studios.
Was vom Trend bleiben dürfte
Fitnesstrends kommen und gehen, doch Pilates hat schon mehrere Wellen überstanden – zuletzt den Studio-Boom der 2000er Jahre. Dass die Methode diesmal von einer breiteren demografischen Basis getragen wird, von jungen Social-Media-Nutzerinnen bis zu Best Agern mit Rückenbeschwerden, spricht dafür, dass mehr bleibt als ein Hashtag. Der über hundert Jahre alte Grundgedanke, Kraft und Kontrolle statt Erschöpfung zu trainieren, passt erstaunlich gut in eine Zeit, die dem Dauerstress etwas entgegensetzen will.
Redaktionelle Einordnung auf Basis einer Pressemitteilung (openPR.de) und allgemein zugänglicher Informationen. Dieser Beitrag ist keine Gesundheitsberatung – bei Beschwerden oder Vorerkrankungen empfiehlt sich vor Trainingsbeginn ärztlicher Rat.
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