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Erben wir die Ängste unserer Vorfahren? Was die Forschung zu transgenerationalen Traumata wirklich sagt

Manche Menschen tragen Ängste in sich, für die es in ihrer eigenen Biografie keinen Anlass gibt. Die Forschung zu transgenerationalen Traumata sucht nach Erklärungen – und mahnt zugleich zur Vorsicht.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Es gibt Menschen, die tragen eine Unruhe in sich, für die ihre eigene Lebensgeschichte keine Erklärung liefert. Sie reagieren auf Stress, Enge oder Unsicherheit heftiger, als es die eigenen Erfahrungen nahelegen würden. Die Frage, ob solche Muster etwas mit dem zu tun haben, was Eltern oder Großeltern erlebt haben, beschäftigt seit Jahren Psychologie, Neurowissenschaft und Epigenetik. Rund um dieses Thema ist eine ganze Ratgeber- und Coaching-Landschaft entstanden. Ein nüchterner Blick auf den Forschungsstand lohnt sich – gerade weil hier Wissenschaft und Deutung leicht durcheinandergeraten.

Was mit „transgenerationalem Trauma" gemeint ist

Der Begriff beschreibt die Beobachtung, dass Nachkommen von Menschen, die schwere Belastungen erlebt haben – Krieg, Flucht, Verfolgung, Gewalt –, auffällig häufig ähnliche Reaktionsmuster im Umgang mit Angst, Stress und Unsicherheit zeigen, obwohl sie das ursprüngliche Ereignis nie selbst erlebt haben. Untersucht wurde das unter anderem an sogenannten Kriegsenkeln in Deutschland und an Nachkommen von Überlebenden schwerer historischer Traumata. Dass es solche familiären Weitergaben gibt, ist wenig umstritten. Die eigentliche Debatte dreht sich um die Frage: Wie werden sie weitergereicht?

Der Streit um die biologische Erklärung

Eine populäre Antwort verweist auf die Epigenetik – auf chemische Markierungen am Erbgut, die nicht die DNA-Sequenz selbst verändern, aber beeinflussen, welche Gene wie stark abgelesen werden. Stresshormone wie Cortisol gelten als mögliche Vermittler solcher Markierungen. Die Neurowissenschaftlerin Rachel Yehuda gehört zu den bekanntesten Vertreterinnen dieser Forschungsrichtung; sie beschrieb gemeinsam mit ihrer Co-Autorin Amy Lehrner 2018 in der Fachzeitschrift World Psychiatry die – so die vorsichtige Formulierung – mutmaßliche Rolle epigenetischer Mechanismen bei der Weitergabe traumatischer Erfahrung.

Entscheidend ist dieses Wort „mutmaßlich". Denn ob epigenetische Markierungen beim Menschen tatsächlich über Ei- und Samenzellen an die nächste Generation vererbt werden, ist wissenschaftlich keineswegs abschließend geklärt. Kritiker weisen darauf hin, dass ein Großteil solcher Markierungen bei der Bildung von Keimzellen und in der frühen Embryonalentwicklung gelöscht wird. Vieles, was wie „vererbte" Angst aussieht, lässt sich ebenso durch soziale Weitergabe erklären: durch Erziehungsstile, familiäre Erzählungen, Schweigen über belastende Ereignisse oder schlicht durch das erlernte Verhalten im Alltag.

Warum die Unterscheidung praktisch wichtig ist

Für Betroffene macht es einen Unterschied, ob man ein biologisch „eingeschriebenes" Schicksal annimmt oder ein erlerntes Muster, das sich verändern lässt. Auch die Forschung betont, dass epigenetische Veränderungen – sofern sie eine Rolle spielen – nicht als starr gelten, sondern durch Umwelt, Lebensstil und Erfahrung beeinflussbar sein können. Diese Offenheit ist wichtig, weil das Thema anfällig für Vereinfachungen ist. Formulierungen wie „das Trauma sitzt in deinen Genen" klingen eingängig, geben den Forschungsstand aber verzerrt wieder und können ein Gefühl der Ausweglosigkeit erzeugen, das die Studienlage so nicht hergibt.

Ein Feld zwischen Erkenntnis und Deutung

Die Weitergabe von Belastungen über Generationen ist ein reales, gut dokumentiertes Phänomen – in Familien, in Gesellschaften, in der Art, wie über schwierige Kapitel gesprochen oder geschwiegen wird. Ob und wie stark daran biologische Vererbung beteiligt ist, bleibt eine offene Forschungsfrage. Seriöse Aufklärung erkennt man daran, dass sie diese Unsicherheit benennt, statt sie zu übergehen. Wer sich mit dem eigenen familiären Erbe auseinandersetzen möchte, findet in psychotherapeutischer Begleitung den verlässlicheren Weg als in schnellen Erklärungen, die mehr Gewissheit versprechen, als die Wissenschaft derzeit einlösen kann.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Forschungs- und Gesellschaftsthemas und ersetzt keine medizinische, psychologische oder gesundheitliche Beratung. Bei anhaltender Belastung ist der Kontakt zu ärztlichen oder psychotherapeutischen Fachkräften der richtige Weg.

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