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Ein Amt für Kinderhände: Wie Norderney seit 15 Jahren eine Kinderkurdirektorin wählt

Auf Norderney übernimmt jedes Jahr ein Kind für zwölf Monate ein eigenes Amt – mit Büro, Budget und großen Ideen. Ein Blick auf eine ungewöhnliche Inseltradition.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Ein Kind mit eigenem Büro

Auf den meisten Nordseeinseln kümmert sich ein Kurdirektor um Gäste, Veranstaltungen und das Wohl der Urlauber. Norderney leistet sich zusätzlich etwas, das es sonst nirgendwo in Deutschland gibt: eine Kinderkurdirektorin oder einen Kinderkurdirektor. Für das kommende Jahr wurde nun ein zehnjähriges Inselkind für dieses Amt ausgewählt – ausgestattet, so die Idee, mit einem eigenen kleinen Büro und einem eigenen Budget. Die Amtszeit läuft über zwölf Monate, dann übernimmt das nächste Kind.

Was auf den ersten Blick wie eine hübsche Marketingidee wirkt, hat auf Norderney inzwischen Tradition. Seit 2011 wird das Amt, kurz KIKU genannt, jedes Jahr neu vergeben. Damals überreichte der „große" Kurdirektor der ersten Amtsinhaberin symbolisch den Schlüssel zu ihrem Büro. Seither hat sich eine ganze Reihe von Kinderkurdirektorinnen und -direktoren abgelöst, jedes mit eigenen Schwerpunkten, Vorlieben und Aktionen. Das neue Inselkind folgt damit auf eine mittlerweile 15 Jahre lange Reihe von Vorgängerinnen und Vorgängern.

Beteiligung, die ernst genommen wird

Bewerben können sich in der Regel Kinder im Grundschul- und frühen weiterführenden Alter, die auf der Insel leben. Aus den Bewerbungen wird jährlich – meist im Sommer – eine neue Amtsträgerin oder ein Amtsträger ausgewählt. Die Aufgabe besteht nicht darin, Reden zu halten, sondern darin, die Wünsche und Anliegen von Kindern sichtbar zu machen und eigene Veranstaltungen für den jungen Inselnachwuchs und die kleinen Feriengäste auf die Beine zu stellen.

Damit steckt hinter der charmanten Fassade mehr als eine nette Geste. Das Amt ist eine Form von Kinderbeteiligung, wie sie Kommunen andernorts über Kinder- und Jugendparlamente organisieren – nur eben verpackt in eine Rolle, die für Kinder greifbar ist. Wer ein eigenes Büro und ein eigenes Budget hat, erlebt unmittelbar, dass die eigenen Ideen zählen und dass mit Verantwortung auch Planung, Absprachen und gelegentlich Enttäuschungen verbunden sind. Pädagogisch betrachtet ist das ein früher, spielerischer Zugang zu Themen wie Mitbestimmung und Selbstwirksamkeit.

Warum solche Ideen auffallen

Dass ausgerechnet eine kleine Insel ein solches Amt pflegt, ist kein Zufall. Nordseeinseln leben in weiten Teilen vom Tourismus und stehen in einem ständigen Wettbewerb um Familien. Angebote, die Kinder ernst nehmen und ihnen eine eigene Bühne geben, heben sich von austauschbaren Ferienprogrammen ab. Gleichzeitig stärkt ein solches Amt den Zusammenhalt im Ort: Das ausgewählte Kind wird für ein Jahr zu einer kleinen lokalen Bekanntheit, deren Aktionen von Einheimischen wie Gästen wahrgenommen werden.

Ähnliche, wenn auch selten so konsequent umgesetzte Ideen finden sich in anderen Tourismusregionen, etwa in Form von Kinderbürgermeistern oder Kinderräten. Der Reiz des Norderneyer Modells liegt in der Beständigkeit: Über anderthalb Jahrzehnte hinweg jährlich ein Kind mit einem echten kleinen Amt zu betrauen, ist mehr als eine Eintagsfliege für die Sommersaison. Es ist ein Baustein der Inselidentität geworden.

Ob das Amt am Ende vor allem den Kindern, dem Gemeinschaftsgefühl oder doch dem Tourismusmarketing dient, lässt sich nicht sauber trennen – vermutlich allen dreien zugleich. Für das neue Inselkind dürften solche Erwägungen ohnehin zweitrangig sein. Ein Jahr lang eigene Veranstaltungen planen, ein eigenes Büro haben und gehört werden: Für ein zehnjähriges Kind ist das schlicht ein großes Abenteuer – und für die Insel eine kleine, liebenswerte Besonderheit, die zeigt, dass ernst gemeinte Beteiligung nicht immer nach Verwaltung aussehen muss.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines lokalen Themas und gibt den öffentlich bekannten Stand zur Norderneyer KIKU-Tradition wieder.

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